Wie ich zu meiner politischen Einstellung gekommen bin….

“Wir mögen zwar Löwen sein die von einem Esel geführt werden …“ spuckt der Mann, im Fernsehen, rot- und rundgesichtig auf einem gesetzten, mächtigen Körper, die Wörter aus  „aber wenigstens sind wir keine Schakale!“

Ein gewaltiges Geschrei des Publikums, als die Delegierten der Gewerkschaftskonferenz aufstehen um zu klatschen und jubeln. Der Redner war Ron Todd, Chef der Transportarbeitergewerkschaft, 1984, auf dem Höhepunkt des Bergbauarbeiter Streiks gegen die konservative Regierung von Margaret Thatcher. Der Streik war die wichtigste politische und industrielle Konfrontation der zweiten Hälfte des zwanzig Jahrhundert.

Ich habe nicht so oft Schule oder Uni geschwänzt, aber wenn es doch vorkam, dann am liebsten im frühen Herbst während  der Gewerkschaftskonferenz oder der Labour Partei Konferenz (Mitte Links Partei, äquivalent zu SPD).

Ich würde Hühnersuppe aus der Dose erwärmen und mit meinem Vater teilen. Hühnersuppe aß man immer, wenn es einem vermeintlich nicht gut ging. Und zwei Toastscheiben mit Butter dazu. Dann konnten wir uns, in unserem eigenen verqualmten Hinterzimmer, ausruhen, und, wie Sonderdelegierten von Irland, die wunderschöne Vielfältigkeit unseres adoptieren Landes genießen.

Die Stimmen und Akzente der Arbeiterklasse, die man so oft in Seifenoper oder Komödien hört, hört man selten als Autoritäten. Selbst in den Konferenzübertragungen gab es immer nur Kommentare von Privatschulgebildeten, gutbürgerlichen Männern die uns alles erklärten. Diese aber ignorierten wir einfach.

Stattdessen fokussierten wir auf die leidenschaftlichen, lustigen oder ernsten Delegierten, Frauen und Männer, die von vorderster Front der täglichen Wirklichkeit unserer Gesellschaft berichteten. Menschen die gegen Margaret Thatchers Zerstörungswelle Widerstand leisteten, in den Dialekten der Gegend rund um die Flüsse Mersey, Tyne oder Thames, der Städte Leeds, Manchester oder Glasgow, Sikhs aus West London, Westinder aus Birmingham, Putzfrauen aus Süd London und Bergarbeiter aus Süd Wales.

Mein Vater hatte in der Textilfabrik in Aintree, Liverpool, neben der berühmten Grand National Pferderennbahn, gearbeitet. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden hier Flugzeuge gebaut, im Zweiten Weltkrieg Fallschirme aus Seide, dann wurde die Fabrik von Courtaulds, eine der weltgroßen Textilfirmen der Welt, übernommen. Auf ihrem Höhepunkt in den Siebzigern war ihr größter Kunde Marks & Spencer.

Die Fabrik wurde in 1981 geschlossen, eine der Ersten von vielen in der De-industrialisierungswelle von Margaret Thatcher, die diese absichtlich, durch hohe Zinsen und ein hochwertiges Pfund, ausgelöst hatte. Wo die Fabrik einmal stand, gibt es jetzt ein Einkaufszentrum.

Leider wussten wir, dass Ron Todd so viel toben konnte wie er wollte, es würde nicht viel ändern.

“Bringt nichts oder, Papa? Wenn die Ingenieure und die Elektriker die Bergbauarbeiter nicht unterstützten werden,  dann werden die den Streik verlieren. Stimmt´s?“

Es war der Chef der Elektriker Gewerkschaft, Eric Hammond, der die Mengen mit seiner „Löwen geführt von einem Esel“ Analogie aufgebracht hatte.

Ich stellte mir vor, es gäbe einen großen staatlichen Sicherungskasten irgendwo, und die Elektriker könnten einfach den großen Schalter umlegen und dann war das Spiel für die herrschende Klasse aus.

Aber so was machten die nicht. Die Bergbauer verloren, die entscheidende Niederlage für die Gewerkschaften in Groß Britannien, und mein Vater, sowie Eric und Ron, ist schon lange tot.

Eric wurde ein guter Freund von Frau Thatcher und hat heimlich mit Rupert Murdoch kooperiert damit Ruperts Firma „News International“ die Druckergewerkschaften zerstören konnte, als seine Zeitungen, The Sun, The Times, The Sunday Times nach Wapping in Ostlondon umzogen. Die Königin hat ihn mit einer Order of the British Empire Medaille geehrt. Auf der anderen Seite, als er Frührentner wurde, hat niemand von seiner Gewerkschaft gedacht, es sei die Mühe wert, eine Abschiedsfeier zu organisieren. Er hat die Labour Partei nie verlassen.

Ron Todd war sieben Jahre Chef seiner Gewerkschaft und hat gegen den Rechtsruck der Labour Partei gekämpft. Er hat alle Ehren abgelehnt. Allerdings hat er sich mit der Mutter der Königin angefreundet und sie zum Ehrenmitglied seiner Gewerkschaft gemacht. Als Rentner hat er Gedichte geschrieben und veröffentlicht.

Jetzt, da die Tiefkühlphase des Neoliberalismus langsam taut, war der Geist meines Vaters bei mir, als ich die Labour Partei Konferenz letzte Woche online gesehen habe.

„Verdammter Vorsitzender! Das ist eine Schande!”

Konnte ich ihn sagen hören, als der Konferenzvorsitzende einfach die Parteiregeln ignorierte, um zu verhindern, dass der rechte Flügel der Partei eine Abstimmung verliert. Aber das hätte er lächelnd gesagt, weil…

„So sind die Rechten in der Partei immer gewesen. Die stehen auf Macht egal auf welche Art!“

Und im Großen und Ganzen ist das nur ein Zeichen, dass es wieder eine wahre Linke Partei in Großbritannien gibt, dafür es lohnt sich zu kämpfen.

Er hätte auch geliebt, dass man jetzt die Dialekte aus London, Leeds, Manchester und Stockport nicht nur aus dem Plenarsaal sondern auch von den Mitgliedern des Schattenkabinetts hören konnte.

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