Der Tag an dem ich behindert wurde.

Have wheelchair will travel
Have wheelchair will travel

Der Tag an dem ich behindert wurde…oder zumindest als ich feststellte, dass behindert zu sein eine Befreiung sein kann.

Taxi, Freitagnachmittag, vor einigen Jahren. Auf dem Weg zum Stanstedt Flughafen in England.

Meine Frau:, „wir hätten ihnen sagen sollen, dass du einen Rollstuhl brauchst.“

„Aber den brauche ich nicht“, antworte ich, seufzend. „ich brauche nur Hilfe Treppen steigen zu vermeiden.“

„Und damit du nicht zu lange anstehen musst.“

„Ja, ja, ok, wenn du das sagst.“

Die Abflughalle ist riesengroß, die Menschen kommen scharenweise an, sich freuend über das lange Wochenende in Nizza, Warschau oder Madrid. Die Abflugschalter einer guten bekannten irischen Billigfluggesellschaft sind in der Ferne am Ende der Halle sichtbar. Nur ein Check-in Schalter, mit einer einzige Frau, ist geöffnet. Das Neonschild über ihren Kopf leuchtet selbstsicher, „alle Flugziele.“ Eine schier endlose Schlange hat sich schon gebildet. Menschen mit Vorfreude auf ihr erstes Bier oder Wein nach der Sicherheitskontrolle. Der geschätzte Moment wenn der Urlaub endlich beginnt.

Ein junger Mann kommt und schaltet den Computer des zweiten Check-ins an. Die Schlange atmet erleichtert auf. Ein schon ein bisschen besoffenes, kicherndes Damenkränzchen, auf der Reise Prag zu erobern (sie tragen Aufkleber), stößt auf das Ende der Schlange. Einige haben schon ihr Gepäck vor den zweiten Schalter. Auf einmal sich darüber bewusst werdend, schaltet der junge Mann den Computer aus und springt, sportlich, über das Gepäckband zwischen den Schaltern… Macht eine kleine Pause und verkündet:

„Wird nicht langer dauern bis jemand kommt.“

Dann fängt er an, mit Metallgestellen und Bändern, die ständig wachsende Schlange zu arrangieren. Wir warten und warten. Fünfzehn Minuten. Zwanzig Minuten. Die möchtegern Passagiere kommen mit der Geschwindigkeit der gekränkt getretenen Gepäcke voran. Die gute Laune Blase des Damenkränzchens ist schon lange geplatzt. Meine Füße brennen vor Schmerzen. Ich kann meinen Knien nicht mehr so richtig vertrauen. Ich meide die Augen meiner Frau.

“Das geht nicht”, sagt sie und spricht den jungen Mann an.

„Ich frage mich ob Sie mir vielleicht helfen können.“ (Normalerweise sprechen Deutsche nicht so, aber meine Frau hat schon einige Jahre in England gelebt.) „Wir stehen schon eine Weile in der Schlange, aber mein Mann kann nicht lange stehen. Wir hatten um Sonderbetreuung gebeten.“

„Braucht er einen Rollstuhl?“

„Nein, aber er kann nicht weit laufen, am Telefon wurde mir gesagt, dass wir zu Priority Boarding gehen müssten.“

„Priority Boarding. Wunderbar.“ Der junge Mann macht auf die Hacke kehrt und weist auf eine kleinere Schlange vor einem auch geschlossenes Check-in Schalter in die Ferne. Wir sind im Begriff uns auf dem Weg dahin zu machen, wenn er auf einmal in Selbstzweifel gerät.

“Auf der anderer Seite, vielleicht müssen Behinderte hier warten.” Gewandt bildet er, mit Metallgestellen und Bändern blitzschnell eine Schlange nur für uns beide allein. Wir stehen vor dem noch leeren dritten Check-in.

„Wird nicht langer dauern bis jemand kommt.“

Wir warten. Und warten. Ich verlagere mein Gewicht zwischen beiden Füssen, dem Stock in meiner linken Hand, und meinem rechten Arm bei meiner Frau eingehakt. Jetzt überhaupt zu laufen fühlt sich wie eine große Herausforderung an. Als dann endlich jemand kommt, hat sie nicht viel Mitgefühl für uns.

„Eigentlich hätten Sie zuerst allererstes zum Priority Boarding gehen müssen.“

Mutig wie immer, versucht meine Frau es ein weiteres Mal zu erklären…

„Man hat uns hier her gesch…“

„Er ist behindert oder?“

„Ja, jein, jenachdem, Ich meine….. und Sprechen kann er auch.“

Schon stumm vom Schmerz hätte ich es lieber, wenn ich nicht sprechen müsste. Aber bevor ich überhaupt was sagen kann.

„Gehen sie dort drüben hin und stellen Sie sich am Priority Boarding vor der Sichertheitskontrolle an.“

Sie weist mit einem Geste auf die entfernteste Ecke des Halles hin.

„Gibt es jetzt die Möglichkeit einen Rollstuhl zu haben?“

„Ja“, antwortet Sie ohne uns anzugucken, „aber dann müssen Sie warten.“

Wir humpeln davon.

Es wurde nicht besser. Nachdem wir eine Dekade oder so an der Sicherheitskontrolle gewartet hatten, was endgültig das Fass zu Überlaufen brachte, beharrte eine Dame des Sicherheitspersonals darauf, trotz des unterdessen tränennahen Protests meiner Frau darauf, dass ich alleine ohne Stock und ohne ihre Hilfe durch den Sicherheitsbogen gehen müsste.

Aber vielleicht war es genau in diesem Moment, als ich schmerzhaft, haltsuchend durch den Bogen wackelte und jeder der Augen hat, ganz klar sehen konnte, dass hier irgendein Kategorienfehler gemacht wurde, dass ich feststellte, dass ich es war, der einen Fehler gemacht hatte und ich mich als behindert ansehen muss und es ganz ok gewesen wäre einen Rollstuhl einzuforden.

Und es war ein neues, merkwürdiges, glückliches, befreiendes Selbstverständnis, ein freudiges Loslassen von Schuldgefühle, dem Gefühl, dass ich nicht ausreichend versucht hatte allen klar zu kommen, dass es mir an Mut, an Entschlossenheit, Charakterstärke fehlt, dass ich am Ende nur tat als hätte ich ein Problem; dass ich irgendwie ein Betrüger war.

Das ist das Grausamste an der Verbindung zwischen behinderten Menschen und Sozialehilfebetrug, die die englische Regierung und ein Teil der Presse in den letzten Jahren herzustellen zu vermitteln versucht. Diese Linie trifft und verstärkt Schuldgefühle und Selbstzweifel von Menschen, die durch Behinderung und Krankheit täglich mit sich kämpfen und Ihre Beziehung zu Ihrem Körper und der Aussenwelt täglich neu erobern und definieren müssen.

Im Vergleich zu dieser bewusste Absicht kann die Gedankenlosigkeit von Flughafenmitarbeiten als nur halb so schlimm betrachtet werden.

Für information über den schwierigen Lager der Behinderten Menschen in Groß Britannien siehe. (Leider nur auf Englisch.)

http://www.theguardian.com/profile/frances-ryan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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