Einige Momente vom Leben Schwester Franziska. Teil 7.

Schwester Franziska und Freunde vor dem Cafe Emma T.  Photo Katja Harbi.
Schwester Franziska und Freunde vor dem Cafe Emma T.    Photo Katja Harbi.

Schwester Franziska ist jetzt zweiundachtzig. Sie leidet an Knochenkrebs. Die Wirbelsäule und die Hüfte sind, wie sie sagt, kaputt. Die Krankheit können die Ärzte nicht rückgängig machen. Im Herbst wird sie nach Münster umziehen, um den letzten Teil ihres Lebens mit ihren Mitschwestern zu verbringen. Ihr Orden, die Schwestern der göttlichen Vorsehung hatte sich, vor vielen Jahren, bei ihr für die Zeit der Exklausierung entschuldigt.

Im Juli dieses Jahres hat sie fünfzig Jahre in Ostdeutschland gelebt. Während ihrer Jahre in Weissensee gab es natürlich auch Herausforderungen.

Als sie zum ersten Mal die Küche in St Josefs betrat, sah sie sofort.

„Die Küche war eine Katastrophe.“

Es gab eine Köchin. Aber die Schwester war krank, und sie war schon über achtzig. Die Patienten waren für das Kochen verantwortlich. Geistige kranke Patienten fand es natürlich schwer, Essen für mehr als dreihundert andere Patienten, vorzubereiten. Schwester Franziska kann sich noch sehr gut daran erinnern.

„Alles wurde zusammengeschmissen in einen großen Topf. Kartoffeln, Gemüse und Fleisch, und alles gekocht bis es weich war. Na gut.“

Trotzdem hatte Schwester Franziska, mit der Hilfe der Patienten, alles in einigen Monaten geregelt. Es war vereinbart worden, dass Franziska die Leiterin der Küche werden sollte, und nur einmal pro Woche zurück zum Kloster in Räckelwitz kommen sollte.

Nach einem Jahr wurde ihr Vertrag für ein weiteres Jahr verlängert, und daraus wurden mehr als zwanzig Jahre.

Im Allgemeinen waren diese Jahre schwer aber schön. Kochen führte wie ein Faden durch ihr ganzes Leben, der zurück zur Liebe ihrer Mutter, Wilhemina, führte. Sie arbeitete auch als Ausbildende für Köchinnen und, wie sie stolz sagt:

„Keine Studentin ist bei mir durchgefallen…natürlich gab es schwächere Schüler, aber dann musste man eben mehr von sich selbst geben, langsamer erklären und zeigen was nötig ist.“

Auf der anderen Seite gefiel ihr Zustand als gewissermaßen unabhängige Schwester, den anderen Geistlichen nicht immer. Sie beklagte sich bei ihrem Bischof, dass eine Oberin eines anderen Ordens sie kontrollieren wollte. Er machte der Oberin klar, dass sie die Küche der Schwester nicht mehr betreten dürfte.

Die Zeit nach der Wende war auch schwer. In der DDR hatte das Krankenhaus von der Selbstversorgung gelebt. Sie hatten Kühe und Schweine gehabt und hatten Früchte und Gemüse geerntet. Die Patienten arbeiteten auch in der Küche und in den Gärten. Nach dem Mauerfall durften die Patienten nicht mehr arbeiten, die Selbstversorgung wurde als zu teuer betrachtet. Als Küchenleiterin wurde es immer schwerer für sie die Patienten zu versorgen. Endlich kam es zu einer Konfrontation.

In der DDR verdienten die Ärzte in den kirchlichen Krankenhäusern weniger, als in den staatlichen. Aus diesem Grund bekamen sie ihr Essen in St Josefs umsonst. Nach der Wende, als die Ärzte und die Krankenschwestern einen viel besseren Lohn bekamen, wollten sie jedoch diese Konzession nicht aufgeben. Allerdings bekam Schwester Franziska nicht mehr Geld für das Essen der Patienten als vorher. Sie beharrte darauf, ab jetzt durfte das Essen nur noch für die Patienten umsonst sein.

Als ihr klar wurde, dass die Ärzte dachten, sie meine es nicht ernst und, wie immer, ohne Geld zum Mittagessen kamen, machte sie die Küche einfach zu. Danach haben sie die kleine Schwester besser verstanden.

Dann gab es auch einen Priester, der wollte sie vor einer Freundin in Berlin, einer Evangelischen Pfarrerin, bewahren. Er, und der Orden, sind so weit gegangen, Schwester Franziska eine Abmahnung zu geben. Sie müsste sich von dieser Pfarrerin fern halten. Ein weiteres Mal dachte sie darüber nach, ob es besser wäre den Orden zu verlassen, als sich dieser unmenschlichen Disziplin unterzuordnen.

Aber dann hatte sie, von einem Bischof, einem grauhaarigen, lächelnden Franziskaner, Trost und Verständnis bekommen.

„Du bist eine gute Schwester. Nimm alles nicht so ernst und mach einfach weiter wie bisher.“

Am Ende kam sie zu dem Schluss, dass, obwohl Menschen Fehler machten, im Grunde genommen der Orden gut war. Schwester Franziska hatte immer versucht von sich selbst zu geben, aber sie schätzte, dass als Schwester ihre Aufopferung auch eine andere Bedeutung hatte.

Eines Morgens kam eine junge Schwester zu ihr in die Küche. Sie arbeitete mit Schwester Franziska, und Franziska versuchte ihr Kochen beizubringen. Die junge Schwester wirkte frustriert und ungeduldig. Sie wollte immer nur beten und den lieben Gott loben.

„Wäre es nicht besser, Schwester Franziska, wenn wir in der Stille des Klosters blieben, und nur sprächen um unsere Liebe zu Jesus zu verkündigen? Jede andere kann tun, was wir hier machen.“

Schwester Franziska guckte in der Küche herum. Sie waren allein. Dann guckte sie, durch die große Küchendurchreiche, in den Speisesaal. Dort waren fünf oder sechs Patienten. Ein Mann, der in St Josefs gealtert war, wartete schon an der Essensausgabe. Eine junge Frau, nicht älter als die junge Schwester, saß allein. Ihre Augen waren leer. Ein junger Mann lief restlos hin und her. Er murmelte zu sich selbst. Sie drehte sich zurück zu der jungen Schwester.

„Schwester, ist Jesus hier?“

„Jesus ist überall.“

„Richtig. Und was will Jesus für unsere Patienten.“

Die Schwester wirkte jetzt ein bisschen verunsichert. Schwester Franziska fügte hinzu.

„Das ist keine Fangfrage. Was würde Jesus für diese Menschen wollen?“

„Das sie geheilt werden.“

„Eine schöne Antwort. Und wie würde Er das verwirklichen?“

„Dass sie Ruhe bekommen und“, sie zögerte ein Moment, „..und gutes Essen.“

Schwester Franziska stand vor die junge Schwester und nahm ihre Hände in ihre eigene.

„Ja und Jesus hat, in dieser Küche, keine anderen Hände als diese. Keine anderen Arme, keine anderen Beine, Ohren oder Augen als unsere. Wir versuchen das Gesicht der göttlichen Vorsehung zu sein. Das ist unsere Pflicht und unsere Freude.“

Es gab ein Moment der Stille. Dann drehte sich Schwester Franziska um und reichte der jungen Schwester einen großen Topf, und sagte.

„Und jetzt Rühreier für fünfzig.“

Mit neunundsechzig Jahren in 2001, ging sie in Rente.

Mit den Ärzten im Krankenhaus in Buch hatte sie sich, in letzter Zeit, gut verstanden. Oder besser gesagt, verstanden sie Schwester Franziska gut. Sie hatte Chemotherapie abgelehnt, und wollte die Ärzte auf andere Patienten hinlenken. Sie wurde gefragt, ob sie nicht, wie so oft in ihrem Leben, etwas Vorteilhaftes für andere tun wolle. Sie hatten ein Medikament, das noch nicht komplett erforscht war. Es könne ihr nicht schaden, sondern vielleicht ihr Leben verlängern. Mit ihrer Erfahrung wäre es dann möglich, andere besser zu behandeln. Daher ist Schwester Franziska, wie sie sagt, mit zweiundachtzig, eine Art Versuchskaninchen geworden und wie sie in letzter Zeit von ihren Ärzten gehört hat, durch ihre Hilfe geht die Forschung besser voran.

Aus der fünften Etage ihrer Wohnung in der Lehderstrasse guckt sich Schwester Franziska die Sterne an und fragt sich was nach dem Tod passiert. Es ist Spätsommer. Ihre Zeit in Weissensee und in Berlin geht langsam zu Ende. Es wird dunkel, aber, mit der Dunkelheit taucht jeden Moment ein neuer Stern auf. Sie fragt sich.

„Ist es nicht möglich, dass jeder Stern einmal ein Mensch war? Die Wissenschaftler entdecken jeden Tag neue Sterne und jeden Tag kommen mehr Kinder zur Welt. Vielleicht leben die da oben noch…Mutter, Vater, Schwester Bernhardina, der lächelnde Bischof, meine Freundin Hildegard. Na ja, wer weiß? Aber es war immer schon, und bleibt noch, meine Hoffnung und mein Glaube dass wir uns alle wiedersehen werden.“

 

 

Copyright. NickTimmons2014.

 

 

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