Einige Momente vom Leben Schwester Franziska. Teil 6.

Zwei Kochschuüerinnen von Schwester  Franziska
Zwei Kochschulerinnen von Schwester Franziska

Es war 1977. Ich war jetzt fünfundvierzig.

Es war, für mich und viele andere, noch die Zeit der Hoffnung, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als Papst Johannes, der dreiundzwanzigste, die Fenster des Vatikans öffnen und das Licht des neuen Denkens in die Kirche strahlen lassen wollte.

Das galt auch für die Orden. Jedoch fortschrittliche Änderungen kamen, wenn überhaupt, sehr langsam unter den Bischöfen, in den Orden, und bei uns, den Schwestern der Göttlichen Vorsehung auch.

Vielleicht weil ich Respekt, aber keine Angst vor Autorität hatte, war ich unter den jüngeren Schwestern beliebt. Ich hatte immer geglaubt, dass man für den Glauben auch manchmal kämpfen muss.

Oft kamen einige der jüngeren Schwestern zu mir, von der Verhaltensweise einiger der älteren Schwestern beunruhigt.

„Schwester Maria schlug einen Patient auf den Po.“

„Schwester Teresa ließ einen Anderen eine Stunde auf der Toilette sitzen.“

In der Gemeinde wurde über vieles gesprochen. Ich sah keinen Grund, über diese Vorfälle nicht zu sprechen.

„Wenn wir die Liebe Gottes verkündigen wollen, dann geht das einfach nicht.“

Die älteren Schwestern mussten ihre Worte hinnehmen. Sie blieben schweigsam und warteten.

Eines Tages kam eine jüngere Lehrlingsköchin, namens Anna, zu mir. Sie wirkte verzweifelt.

„Schwester, ich bin schwanger.“

Wer schwanger war, hatte gesündigt und musste das Anwesen sofort verlassen

„Ich will den Mann nicht heiraten aber ich will das Kind. Ich muss kündigen. Aber wohin soll ich gehen?“

Ich kannte die junge Frau gut und wusste, sie hatte keine Familie die für sie und das Kind sorgen würde.

„Du schweigst erstmal. Mache nichts. Bleib hier.“

Anna stimmte zu und blieb. Nach einigen Wochen begleitete ich die junge Frau zur Poliklinik. Alle Abteilungen waren im gleichen Haus und das Wartezimmer wurde auch von allen Abteilungen geteilt. Dann wurde ausgerufen.

„Anna Schirner zum Frauenarzt.“

Als wir aufgestanden waren, guckte eine andere Schwester, die zufällig zum Zahnarzt musste und auch im Wartezimmer wartete, auf. In ihrem Gesicht sah ich zunächst Überraschung, dann Verwirrung und dann Verstehen.

Jeder wusste, Besuch bei Frauenarzt konnte nur Schwangerschaftsberatung bedeuten.

Als wir zurück ins Kloster kamen, wurde Anna sofort vor die Oberin gerufen. Schwester Bernhardina, die Oberin, mit der ich mich gut verstanden hatte, war vor einigen Jahren schon in Rente gegangen. Die neue Oberin war empört, trotzdem konnte die Lehrköchin jetzt nicht mehr aus dem Haus gezwungen werden. Sie war schon im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft.

Andererseits war es durchaus möglich, entschied sich die Oberin, mich zu entlassen. Ich muss exklausiert werden. Ich musste aus dem Orden und aus dem Kloster. Ich war erschrocken und tief erschüttert.

Wenn die Vorgesetzte des Ordens in Münster ihre Zustimmung gab, dann müsste ich mich fragen wohin ich gehen sollte?

In der Kapelle im Kloster in Münster fühlte sich die Vorgesetzter des Ordens, nicht zum ersten Mal in den letzten beunruhigenden Jahren, einsam und allein. Es war nicht so, dass die Vorgesetzte überhaupt kein Verständnis für Schwester Franziskas Vorgehen finden konnte, sondern eher dass sie meinte, sie war von Anfang an in der DDR rebellisch gewesen.

Außerdem hatte sich der Orden noch nicht völlig von der Geschichte mit der Brasilianischen Schwester erholt. Die Vorgesetzte schauderte vor Erschrecken, als sie an die Oberin dachte, die, ihren Kopf voll mit Befreiungstheologie, von Brasilien nach Deutschland gezogen war und ein neues unabhängiges Haus mit nicht weniger als sechzig ihrer Mitschwestern gegründet hatte.

Die Vorgesetze hatte Angst, dass diese kleine Schwester in Räckelwitz auch alles über den Haufen werfen würde. Sie musste weg.

Aber wohin?

Die Schwester hatte keine Familie oder Verwandte in der DDR. Außerdem war sie sehr bekannt und respektiert unter den jungen Schwestern in allen Häusern in Ostdeutschland. Viel besser, wenn sie zurück nach Westdeutschland kehren könnte, aber wie? Man kam nicht leicht über die Mauer hinweg. Ihre Entscheidung musste über den Bischof laufen, und letztendlich müsste noch auch Rom zustimmen.

Viel besser, wenn sie sagen könnte, dass der Fall definitiv erledigt war und die Schwester zurück bei ihrer Familie wäre.

Dann fiel der Vorgesetzten etwas ein.

Einige Woche später setzte ich mich vor den Bischof, die Oberin und die Vorgesetzte. Als der Bischof zu sprechen anfing, wurde sein Körper von einem Hustenanfall erfasst. Die Oberin holte ihm ein Glas Wasser und die Vorgesetzte drehte sich zu mir.

„Schwester Franziska, dass dein Leben als Schwester in unserem Orden vorbei ist, müssen wir nicht mehr besprechen.“

Natürlich wollte ich sofort die Vorgesetzte unterbrechen, aber die hob ihre Hand um auf meine Stille zu beharren.

„Wir sind alle der Meinung dass es viel besser wäre, wenn du zurück nach Westdeutschland gehen und wieder bei deiner Familie wohnen würdest. Die würde am besten wissen, wie man dir helfen kann.“

Sofort erkannte ich, ich muss mich nicht mundtot machen lassen.

„Nein, ich akzeptiere das nicht. Ich weiß dass ich das Recht auf einen Appell an Rom habe. Und das will ich wahrnehmen.“

Der Bischof war empört. Er fand es schwer zu verstehen dass eine Schwester eine andere Meinung als ihre Vorgesetzte haben könnte.

„Sie sollte sofort in einen Fabrik geschickt werden, wo Sie, zum ersten Mal in Leben, richtig arbeiten müsste und dann würde sie verstehen wie hart Leben sein kann!“

Der Bischof, hustend, kollabierte fast. Die Oberin führte ihn weg und ich war mit der Vorgesetzten allein.

„Wir haben viel gebetet und darüber nachgedacht, wie du zurückkehren kannst. Wir haben einen Plan, wenn du nicht zustimmst, dann setzen wir dich einfach vor die Tür. Du musst dich an unser Haus für geistige Kranke in Berlin Weissensee, St Josefs, wenden und dann werden wir sofort einen Antrag an die Staatliche Verwaltung stellen, damit du so schnell wie möglich nach Westdeutschland fahren darfst. Geistig Kranke werden nur als belastend für diesen Staat betrachtet.“

Sie hatte mich erstaunt, aber tat so als ob sie nichts Überraschendes gesagt hatte, und da ich nicht reagierte, fügte sie hinzu.

„Als Patientin melden, meine ich natürlich.”

Ohne ein weiteres Wort, stand sie auf, verließ den Raum und ließ mich geschockte allein.

Die nächsten Wochen waren sehr hart. Ich hatte der Vorgesetzten nicht meine Zustimmung gegeben, aber ich hatte auch nicht nein gesagt. Ich war verletzt und verwirrt. Dachten die wirklich dass ich irrsinnig war? War ich? Sicher war ich völlig durcheinander.

Aber wenn ich zustimmte, würde ich vielleicht nie mehr aus dem Krankenhaus rauskommen. Ich wäre nicht mehr mündig.

Oder war das wirklich nur als kleine Täuschung gedacht, damit ich nach Hause kommen konnte?

In der Zwischenzeit nahm ich an, dass die Oberin und Vorgesetzte Vorbereitungen für meinen Umzug nach Berlin treffen würden. Jeden Tag wartete ich, nervös und verkrampft, auf jemanden der kommen und Bescheid geben würde, dass ich heute nach Berlin fahren müsste.

Dann eines Morgens, als ich im Garten herum spazierte, kam eine der jungen Schwestern zu mir. Ich war überrascht, dass ich noch ein bisschen traurig war; hätte die Oberin selbst nicht kommen können? Ich wusste noch nicht was ich sagen würde.

Schwester Franziska, die wollen dich so schnell wie möglich fortschicken, aber geh nicht. Der Bischof geht weg. Es wird ein neuer Bischof kommen.“

Es dauerte einige Momente, bevor ich ihre Worte fassen konnte. Ein neuer Bischof. Wurde mir auf einmal sehr klar. Ich würde ablehnen, nein sagen, und auf Zeit spielen, bis ich einen neuen Antrag an den neuen Bischof stellen konnte.

Zwei Monate später saß ich wieder vor der Oberin, der Vorgesetzten und vor dem neuen Bischof. Der Bischof hörte zu und sagte wenig. Was er sagen würde, wusste ich nicht. Aber er hatte mir die Gelegenheit gegeben, meine Ansicht ausführlich zu erklären.

Hatte er mich angelächelt, als ich reinkam?

Die Oberin und die Vorgesetzte saßen schweigsam und guckten auf ihre Hände in ihrem Schoß. Der Bischof fing an zu sprechen.

„Ich glaube wir sind einer Meinung, dass wir dem Willen Gottes gehorchen, wenn wir diese unglückliche Zeit des Streits zu Ende bringen.

Wir glauben aber, deine Zukunft liegt nicht hier bei uns.“

Meine Funke Hoffnung erlosch.

„Du muss nach St Josefs in Berlin Weißensee.“

Ich wurde jetzt schwer ums Herz. Sie wollten mich doch wieder unter die geistig Kranken stecken.

„St Josefs braucht dringend eine Köchin und jemand der Andere ausbilden kann. Wir brauchen auch hier in unserer Gemeinde einen neuen Anfang. Um diesen neuen Anfang, Schwester Franziska, muss du dir keine Sorgen machen.“

Gab er mir Genugtuung? Gab er mir Recht? Ich hätte erst später Zeit darüber nachzudenken. Jetzt ahnte ich, dass ich eine Entscheidung treffen musste.

Der Bischof führ fort.

„Wenn du zustimmst, es gibt für dich ein neues Leben, als zivile Person, sozusagen, außerhalb des Ordenshauses, aber natürlich noch als Schwester des Ordens in Berlin.

Stimmst du zu? “

Und ja, ich habe zugestimmt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s