Einige Momente vom Leben Schwester Franziska. Teil 5

 

Sister Franziska with friends. Fasching celebration in the DDR
Schwester  Franziska, ex rechts, mit Freundinnen. Fasching in der  DDR Ende 1960s.

Es ist der 24 Juni 1964. Schwester Franziska ist zweiunddreißig. Sie steht in der Schlange vor der Grenze der DDR. Es ist der heißeste Tag des Jahres. Schwester Franziska hat Angst vor der Grenze, aber noch mehr, dass sie bald in Ohnmacht fallen wird.

Was man von Westdeutschland in die DDR mitnehmen konnte, war streng kontrolliert und limitiert, deshalb trug Franziska zwei Ordenskleider übereinander. Aber das waren nicht alles; doppelte Unterwäsche, doppelte Blusen, doppelte Mäntel…

„Ich werde sterben“, flüstert sie sich selbst zu.

Sie versucht sich abzulenken von ihrer Angst und der Hitze. Wenn sie endlich auf der anderen Seite der Grenze ankommt, wird sie endlich ihren Traum erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt wird sie Missionarin werden.

Als sie sich von Gott berufen fühlte, Ordensschwester zu werden, wusste sie schon, dass zwei von Vatis Schwestern, Ordensschwestern bei den Franziskanern waren. Aber in jenem Orden kümmerten sich die Schwestern um Kranke und andere Pflegefälle. Frances wollte sich einem Orden anschließen, wo man Missionar werden konnte. Sie wollte nach Afrika. Daher hatte sie sich für die Schwestern der Göttlichen Vorsehung entschieden.

Endlich ist sie dran. Der junge Polizist sieht ihre Papiere ein und als er merkt wie rot die Schwester im Gesicht ist, betrachtet er sie ein bisschen näher, kann aber nichts sehen, dass ihm unrechtmäßig erscheint. Offenbar widerwillig und misstrauisch winkt er sie durch.

Die Mauer hinter sich, zieht Franziska sofort einige ihrer Kleidungstücke aus und setzt sich eine halbe Stunde später erleichtert in den Zug nach Bautzen.

Der Orden war damit einverstanden gewesen, sie in Afrika zu stationieren, aber bei der medizinischen Untersuchung zeigte sich, dass ihre Knie, ihr Meniskus, in keinem guten Zustand war. Als junge Frau hatte sie viel Handball gespielt, offenbar zu viel. Nur eine Schwester die in jeder Hinsicht gesund war, konnte nach Afrika fahren.

Dann im Jahr darauf wurde die DDR als Missionarsgebiet bekanntgegeben. Die Oberin fragte Franziska ob sie dahinwollte.

Natürlich konnte man aus der DDR nur schwer wieder zurückkehren und der Orden benötigte die Erlaubnis ihrer Mutter, die diese ungern geben wollte. Mutter hatte große Angst vor den Russen.

„Lieber Afrika als die Russen, Sissy“ sagte sie.

Gefragt warum, erzählte sie eine Geschichte die sie nie zuvor erwähnt hatte. Als sie mit Sissy schwanger war, bekam sie Besuch von einer Zigeunerin. In der Nachkriegszeit gab es viele Zigeuner in Nordrheinwestfalen. Die Zigeunerin sagte, dass sie ein Kind bekommen würde, welches sehr, sehr weit in den Osten, in ein Land regiert von Eis und Schnee reisen würde. Das machte ihr furchtbare Angst, weil die Westfalen tief gläubig, aber auch recht abergläubisch waren.

Am Ende hatte sie, mit den Worten, zugestimmt:

„Wenn du aber nach Sibirien musst, dann komme ich auch mit.“

Der Zug kam endlich in Bautzen, einem Sorbischen Gebiet, an. Der Bahnhof war sehr klein und offenbar vernachlässigt und verlassen. Franziska setzte sich auf einen Bank und wartete.

Sie hatte schon ein bisschen über die Sorben gelesen. Die waren sehr christlich und von der Regierung drangsaliert. Obwohl es immer behauptet wurde, dass die DDR den christlichen Glauben akzeptierte, war es in der Tat nicht so. Evangelisieren wurde verboten. Nur durch eigenes Verhalten konnte man Andere überzeugen, Christ zu werden. Im Prinzip wurde die Taufe nicht verboten, aber wer sich taufen ließ, musste raus aus der Partei. Es gab manchmal geheime Taufen, aber trotzdem fiel die Anzahl der Christen in der DDR über die Jahre deutlich zurück.

Wahrscheinlich, sagte sie sich, half die strenge Einstellung der Katholischen Kirche nicht. Wenn Eltern aus der Kirche ausgetreten waren, aus welchem Grund auch immer, dann war das Taufen der Kinder nicht mehr möglich. Die Evangelische Kirche war nicht so streng.

Von weit entfernt erkannte Franziska die Silhouette einer Schwester. Sie lief langsam unter den Kastanienbäumen, die staubige, sonnige Straße entlang. Sie würden zusammen in das Ordenshaus in Räckelwitz gehen.

Aus dem Westen kommend, wo der Aufbau schon weiter war, empfand Franziska die DDR als hinterrücks. Die Menschen trugen nur dunkle Kleidung in der Küche. Auf Hygiene wurde überhaupt nicht geachtet. Es gab nur einen Kohlenherd, der schon fünfzig Jahre alt war, eine selbst betriebene Dampfheizung und Dampfkessel und als sie die Küche herumlief, zischte es hier und zischte es da.

Die Holzbretter, die täglich hundertmal benutzt wurden, mussten ausgekocht werden, aber waren so schlecht geleimt, dass danach in ihren Händen auseinander fielen.

Sie beharrte also auf große Änderungen in der Küche, die die zwölf DDR Schwestern beunruhigten.

„Ich wollte alles so radikal ändern dass sie mich bald nicht mehr haben wollten“.

Franziska entschied auch, dass es besser wäre, wenn sie ihre neuen Schuhe und die Kleidung aus dem Westen nicht trug, damit die Schwestern nicht neidisch wurden.

Trotzdem hatte sie ein tiefes Verständnis für die Schwestern. Diese hatten die Gemeinde 1936 gegründet und aufgebaut. Sie hatten die Entbehrungen der Hitlerzeit erlebt, als das Kloster im Krieg zwangsweise in ein Lazarett umfunktioniert wurde. Als dann die Russen kamen, bedeutete das zusätzlichen Ärger. Weil die Schwestern sich um deutsche Soldaten gekümmert hatten, wurden sie von den Russen beschossen. Die Schwestern und die Frauen des Dorfes, hatten große Angst vor Vergewaltigung. Sie verbrachten viele Nächte versteckt im Keller. Am Ende war eine der sorbischen Dorffrauen, die Russisch sprach, zu den russischen Kommandos gegangen. Mutig sagte sie.

„Gute Männer benehmen sich nicht so.“

Danach wurde die Situation langsam besser. Um das Ordenshaus und Dorf weiter zu beschützen, stellten die Frauen am Rande des Dorfes große Schilder mit Todesköpfen und der Warnung „Seuche“ auf.

Dann kam die DDR und das Haus wurde wieder aufgebaut, und die Schwestern, weil sie so hart gearbeitet hatten, wurden respektiert und unterstützt. Trotzdem, unter dieser Gruppe Frauen fühlte Franziska sich als ein Außenseiter, einsam.

Wenn sie abends in der Kapelle betete, fragte sie sich, ob sie es hier aushalten würde, und sie dachte an ihre ersten schweren Jahre als Ordensschwester. Im September 1956 war sie dem Orden in Münster beigetreten. Frances war zu dieser Zeit vierundzwanzig. Sie schwor drei Gelübde; Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Sie lächelt, als sie sich an ihren ersten Schrecken erinnert. Man musste im Ordnen die Unterwäsche mit Allen teilen, und sie kam nur in Größe eins, zwei und drei. Ihre Eigene durfte sie nicht behalten.

Als Novizin musste Frances auch geistliche Übungen absolvieren. Zu diesem Zweck gab es verschiedene Bücher unterschiedlichen Niveaus. Frances wollte ein Buch mit dem Titel, ‘Liebe bis zum Fuß des Kreuzes’ studieren. Aber die Novizen Meisterin sah das als zu anspruchsvoll für sie an und stufte sie auf ein niedrigeres Niveau hinunter.

Auf einer Seite konnte sie das gut verstehen. Wegen des Krieges musste Sissy die Schule schon mit dreizehn verlassen. Sie hatte nie die Möglichkeit gehabt, die Bibel zu lesen. Sie kannte die Geschichte, Adam und Eva, die Sintflut, und so weiter bloß aus Erzählungen ihrer Eltern. Auf der anderen Seite wusste sie, dass sie, und insbesondere ihr Gehorsam, auf diesen Art und Weise, getestet wurden.

Dann hatte sie es noch viel schlimmer im Waisenhaus gefunden, wo die Schwestern die Waisen oft körperlich bestraft oder psychologisch streng behandelt hatten, beispielsweise sie ohne Essen ins Bett geschickt hatten. Zum Glück musste sie nur ab und zu Aushilfe dorthin, da sie normalerweise in der Küche arbeitete.

Dennoch hatte sie jene Zeit als Ordensschwester im Westen überstanden und sie würde es auch jetzt in der DDR schaffen.

Schwester Franziska. Fasching in der DDR.
Schwester Franziska. Fasching in der DDR.

Eines Morgens kam die Oberin, Schwester Bernhardina, zu ihr und fragte.

„Schwester Franziska, hast du einen Führerschein?“

Franziska hatte keinen Führerschein aber sie wollte gern Fahrstunden nehmen. Für einige Tage war sie glücklich und voller Hoffnung. Sie wusste dass die Oberin oft unterwegs war und dafür eine Fahrerin und Begleiterin brauchte.

Dann kam eine der älteren Schwestern zu ihr und sagte.

„Viel Glück bei der Fahrprüfung. Die mache ich auch. Wenn wir beide bestanden haben, wirst du meine Stellvertreterin sein. Ich glaube, du wirst nicht oft weg von deiner Küche sein müssen.“

Franziska war überrascht und enttäuscht.

Der Tag der Prüfungen war kalt und regnerisch. Franziska und die ältere Schwester warteten zusammen auf die Fahrprüfung. Franziska merkte wie die Hände der Schwester vor Angst zitterten als sie ins Auto stieg. Die Schwester fiel durch.

Jetzt sah Franziska ihre Chance. Sie muss sich konzentrieren aber auch locker bleiben. Der Regen machte die Prüfung nicht leichter. Eine ganze Stunde dauerte sie.

„Es freut mich sehr Schwester, ihnen zu sagen…Sie haben die Prüfung bestanden.“

Eigentlich sollte eine Schwester nicht vor Freude schreien. Dennoch konnte sie einen Freudenschrei nicht zurückhalten.

Doch dann kam eine böse Überraschung.

„Herzlichen Glückwünsch, Schwester. Zunächst brauche ich Ihren Ausweis“.

Franziska reichte ihn ihm.

„Der ist aus dem Westen. Haben Sie keine DDR Staatsangehörigkeit?“

„Die habe ich nicht.“

„Das tut mir Leid. Ohne die können wir ihnen keinen Führerschein ausstellen.“

Franziska konnte erst nach drei Monaten und nach vielen verschiedenen Prüfungen ihre Staatsangehörigkeit bekommen. Genug Zeit für die andere Schwester ihre Prüfung zu bestehen, und bei ihrem zweiten Versuch schaffte sie das. Jedoch, bei der ersten Fahrt mit der Oberin durchfuhr sie eine rote Ampel und dann ein Stoppzeichen. Zufällig war die Polizei in der Nähe und die Schwester bekam zwei Strafmandate. Es wurde als Gottes Führung angesehen, dass die Oberin dann auf Franziska zu vertrauen beschloss. Oft zusammen unterwegs, verstanden sie sich gut.

Weil einige Mitschwestern es nicht gern sahen, wenn Schwester Franziska die Oberin nach Magdeburg, nach Dresden, nach Görlitz und sehr oft nach Berlin fuhr, dankte Franziska dem lieben Gott für ihren eigenwilligen Charakter. Die Missbilligung dieser Schwestern konnte sie gut aushalten.

Obwohl sie es noch nicht wusste, würde diese Missbilligung der Schwestern bald zum schwersten Erlebnis ihres Lebens führen.

 

 

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