Einige Momente vom Leben Schwester Franziska. Teil 4.

frances and girlfriends

Frances. zweite von links, und Freundinnen.

Es ist das Ende der Fünfziger Jahre. Frances ist sechsundzwanzig.

Vielleicht sollte sie doch heiraten? Wäre das eine Lösung? Hätte sie dann eine gute Zukunft?

Das schöne rote Kleid lag auf ihrem Bett wie eine Schuldzuweisung. Frances war tief beunruhigt und verwirrt. Sie lief in ihrem Zimmer umher.

Die schwere Nachkriegszeit war vorbei. Mutter musste wieder Wäsche für andere waschen um ein bisschen Geld zu verdienen und Vaters Werkzeuge mussten alle verkauft werden, aber am Ende hatte die Familie alles überstanden.

Sie hatte jetzt schon acht Jahre Arbeit als Hotelfachfrau hinter sich. Sie hatte sich als fleißig und verlässlich in der Küche und bei der Bedienung bewiesen. Sie hatte ohnehin schon lange vor der Ausbildung bei ihrer Mutter Kochen gelernt. Ihre Chefin bezahlte sie gut und als Frances sich einmal in ein bestimmtes Kleid verguckte, kaufte sie es sofort für Frances. Das Hotel war ein Familiengeschäft, es gab einen Bruder und die Schwester, die Chefin, wollte Frances in die Familie einheiraten.

Der Bruder war zehn Jahre älter als sie, aber viel wichtiger, Frances liebte ihn nicht.

Allerdings fühlte sie sich vor eine große Entscheidung gestellt. Was wollte sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen?

Sie schämte sich nicht, Wert auf schöne Kleidung zu legen, und natürlich wusste sie, dass andere Dinge in Leben viel wichtiger waren. Sie war kein unschuldiges Mädchen mehr. So eine Demütigung hatte sie also nicht verdient.

Sie bedauerte es sehr, die Zeit nicht zurück drehen zu können. In den letzten Jahren hatte sie so viel Glück und Spaß dabei gehabt, einfach nur jung sein zu dürfen. Sie hatte eine beste Freundin, Edith. An langen Sommerabenden im Garten oder an Winterabenden vorm Feuer konnten die beiden stundenlang über Gott und die Welt und, na ja, auch über Jungs reden

frances and edith

   Frances, links, und Edith.

Katholisch erzogen wie Frances, und praktizierend auch, hatten die beiden trotzdem keine Angst vor heiklen Themen. Sie wollten weltoffen sein. Mit ihrem Bruder Hans, der als Messdiener immer Gesprächsthema bei den Dorfmädels gewesen war, und mit seiner Freundin Katrin, entstand ein kleiner Freundeskreis mit guter Stimmung und Geselligkeit.

Frances ging zum Fenster. Es war Sonntag. Die Straßen waren leer. Sie guckte das Kleid an. Sie setzte sich auf das Bett. Immerhin musste sie zugeben, dass sogar in diesen guten Zeiten nicht alles so leicht gewesen war.

Es gab eine alte Verbindung zwischen Katrin und Frances weil Katrins Mutter oft krank war. Daher hatte Frances Mutter, Wilhemina, auch für Katrins Familie gekocht. Genau wie es dem lieben Gott gefallen hätte. Dass Katrin Evangelisch war, spielte keine Rolle.

Frances erinnerte sich an einen Tag, als der Pfarrer zu ihr kam.

‘Guten Tag, Frances.’

‘Guten Tag, Vater.’

‘Frances, wusstest du schon dass Katrin ein evangelisches Mädel ist?’

‘Natürlich Vater. Jeder im Dorf weiß das.’

‘Ja, selbstverständlich Frances. Ich habe mir überlegt und vielleicht wäre es möglich für uns auf Hans aufzupassen?’

„Geht es ihm nicht gut Vater?“

„Nein, ich meine, mit Bezug auf seine Beziehung mit Katrin.“

Es dauerte einige Momente bis sie verstand was der Pfarrer meinte, dann war es für Frances wie ein Schlag im Gesicht.

‘Ich kann meine Freunde nicht bespitzeln.’

Jetzt reagierte der Pfarrer gereizt.

‘Es geht nicht um spitzeln. Du musst ihn überzeugen, dass die Beziehung halt nicht geht. Diese Freundschaft hat keine Zukunft.’

‘Vater, ich würde das nie tun.’

Wieder eine Stille, dann reagierte er frustriert und wütend.

‘Dann brauchst du nicht mehr zum Jugendunterricht zu kommen.’

Rot im Gesicht lief er weg.

Für Frances war das einfach zu viel. Wenn sie auf den Unterricht verzichten musste, dann würde sie überhaupt nicht zur Messe und zur Kirche gehen. Sie bekam viel Unterstützung von ihren Freunden. Trotzdem gab es für Frances eine harte Auseinandersetzung mit Gott. Am Ende kommt sie zum Schluss, dass der Ursprung vieler Probleme eine fehlende Berücksichtigung des Wohls aller Menschen ist. Der liebe Gott liebte Katrin, so wie früher ihre geistig behinderte Freundin Hildegard, die von den Nazis ermordet worden war, nicht weniger als sie selbst.

Frances konnte nicht sagen ob der liebe Gott ihr Recht gab, aber sie betete jeden Tag und sie fühlte sich von Ihm begleitet. Nach einigen Monaten kam der Pfarrer und bat sie zurück zur Kirche zu kommen.

Und jetzt wieder! Sie guckte das Kleid an. Sie war glücklich, Köchin zu sein, in einem Hotel zu arbeiten. Am Ende gab es für sie, und so viele arme Frauen, nicht so viele Möglichkeiten im Leben… Lehrerin, für die die sich eine Ausbildung leisten konnten, Köchin…sonst Krankenschwester… Näherin…Sie stand vor einem Abgrund. Wie konnte eine arme Frau mit Menschen auf Augenhöhe sprechen?

Frances und ihre Freundinnen hatten sich auf diesen herrlichen Sommersonntag gefreut. Sie hatten es vor, sofort nach dem Gottesdienst eine Fahrradtour zu machen. Daher hatte Frances keine Zeit sich erst später ihr schönes rotes Kleid anzuziehen. Das rote Kleid war modern, ein bisschen kürzer, ein bisschen tiefer geschnitten, aber keineswegs frivol oder unanständig. Und beim Radfahren konnte eine Frau doch kein langes Kleid tragen oder?

Aber als Frances und Anna ihre Plätze in der Kirche einnahmen, wurde Frances kein Verständnis für ihren Charakter und ihr Denken gegönnt.

Kurz vor dem Anfang der Messe, schickte der Pfarrer eine Ordensschwester zu ihr, die lauthals vor der gesamten Gemeinde verkündete.

„Das geht nicht Frances.“

„Was meinen Sie, Schwester? Ich habe nichts getan“

„Du weißt ganz genau was ich meine.“

Die Stille in der Kirche war jetzt komplett. Alle Augen wurden auf Frances gerichtet.

Sie wusste was die Schwester meinte. Aber was konnte sie dazu sagen, das nicht unpassend in der Kirche gewesen wäre? Frances fühlte sich mundtot gemacht.

„Du musst die Kirche sofort verlassen.“

Die Schwester wartete sogar bis sie, langsam, gedemütigt und alleine, die Tür der Kirche erreichte und hinter sich zumachte.

Der Ausflug wurde abgesagt. Frances wollte nur allein sein. Sie zog das Kleid aus, wollte sich verstecken.

Sie guckte wieder das Kleid an, als enthielt es eine Antwort. Es gefiel ihr immer noch, schick und rot und einfach perfekt für schönes Sommerwetter. Gott wollte das Glück seiner Kinder. Gott war auch bei ihr, wenn sie mit dem Rad, gewärmt von der Sonne und gekühlt vom Wind fuhr. Dann beging sie auch keine Sünde, wenn sie mit diesem Kleid in die Kirche ging.

Auf einmal war sie von ihrer Scham und Unsicherheit befreit. Es wurde ihr klar, dass diese ihr in der Tat nie hätte anhaften sollen. Sie zog das Kleid wieder an, und verließ das Haus. Dieses Mal würde sie nicht auf die Kirche verzichten. Sie selbst war auch die Kirche. Sie lief zurück in die Kapelle. Als sie betete, fühlte sie sich akzeptiert, zu Hause, genau wie sie war, und wusste, dass es in einem Leben mit Gott am Ende sehr wenig gäbe, worauf sie verzichten müsste.

 Copyright.NickTimmons.2014.

 

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