Einige Momente vom Leben Schwester Franziska. Teil Drei.

 

 Es war der schreckliche Nachkriegswinter 1945/46

Sissy lief in die Finsternis. Es regnete und sie lief durch den schmutzigen Schnee. Sie war hungrig und durstig. Sie war auf der Suche nach Essen oder Arbeit für Essen bei den Bauern. Sie war vierzehn.

In den ersten Jahren nach dem Tod ihres Vaters hatte die Armee versucht der Familie zu helfen und zu schützen. Jetzt gab es keine Wehrmacht mehr und von den überlebenden Männern waren nur die Alten nicht in Gefängnis.

Lediglich vom Essen das sie erbettelte oder verdiente, konnte die ganze Familie versorgt werden. Für lange Zeit hatte Mutter die Wäsche anderer gewaschen aber jetzt hatte niemand im Dorf Geld mehr, und es gab sowieso nichts zu kaufen.

Sissy zitterte vor Kälte. Außer ihren eigenen Schritten gab es nichts in der Dunkelheit des Waldes zu hören. Frances hatte ein bestimmtes Ziel im Kopf. Eigentlich wollte sie auf keinen Fall dahin. Aber jetzt musste es sein. Vielleicht noch zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang und kein einziger Vogel sang. Sissy lief weiter.

Trotz Not und Hunger war Frances froh, wieder in ihrem Dorf und auf dem Land zu sein.

Vor einem Monat hatte Mutter mit ihr gesprochen und sie gefragt ob sie nach Münster gehen würde.

´“Vielleicht gibt es dort noch Arbeit, Geld und Essen, Frances.“

Seit langem hatte sie nicht ihren richtigen Namen von Mutter gehört.

Als sie in Münster ankam, war sie erstaunt. Münster, wie sie es früher kannte, gab es nicht mehr. Alles war flach. Als Trümmerfrau konnte sie sofort anfangen zu arbeiten. Mit vielen hunderten von Frauen in langen Reihen half sie Stein um Stein die kriegszerstörten Gebäude wegzuräumen. Sie dachte an alle Menschen die hier gestorben waren und unter diesen Steinen begraben worden waren. Staubig und erschöpft, stellte sie oft, in der Stille ihres Herzes, dem lieben Gott die Frage.

„Wieso hatte Hitler so lange überlebt, wo doch so viele Unschuldige getötet wurden?“

Sie bekam Unterkunft und Essen, aber es blieb nichts übrig, dass sie der Familie nach Hause bringen konnte. Nach einigen Wochen fuhr sie zurück.

Sissy machte eine kleine Pause, ihre Kraft zu sammeln. Der Pfad wurde immer dunkler und führte langsam bergauf. Sie sah die hohen, kahlen, schwarzen Gestalten der Bäume an.

Sie dachte an die Hitlerzeit. Die braunen Schwestern waren sehr aktiv im Dorf; Mädchen die etwas für Vaterland und das Volk tun wollten. Für die älteren Menschen schleppten sie Kohle und bastelten Puppen für die Kinder. Sie waren immer hilfreich und bereit anderen zu helfen.

Und natürlich wollte Sissy mitmachen.

Die Leiterin der Truppe suchte Sissy, insbesondere Sissy aus.

„An so ein schönes blondes Mädchen würde der Führer sich erfreuen“, sagte sie zu Sissy.

Aber später nahm ihre Mutter sie zur Seite.

„Überleg doch mal, Frances. Die Kaserne! Und wie die SS wütet!“

Traurig und wie eine Art Eingeständnis vorm lieben Gott in der Dunkelheit des Waldes, flüsterte sie.

„Weil wir alle wussten was passierte. Wurde nur hinter verschlossenen Türen ausgesprochen, aber wir wussten es.“

Jetzt war sie oben auf dem Hügel, am Horizont konnte sie den ersten Schimmer des Sonnenaufgangs sehen. Jetzt ging es bergab und sie würde bald den Wald hinter sich gelassen haben.

Sie lächelte, als sie an Anna dachte. Anna, ein neues Kind und ein neues Glück in der Familie. Vor einigen Monaten bei der Sonntagsmesse fragte der Pfarrer.

„Unser Waisenhaus ist überfüllt. Gibt es eine Familie, die noch einem Kind ein Zuhause geben könnte?“

Mutter zögerte nicht. Anna war erst zwei. Sie war niedlich, sehr ruhig und stets wachsam. Aber bei Donner und Blitz saß sie zitternd in der Ecke. Frances dachte an die Anderen, die um dem Tisch zu Hause saßen. Es gab drei Verwandte, die aus ihrem Haus gebombt worden waren. Still und grau im Gesicht, als hätten sie noch die Verwüstung ihres Zuhauses vor ihren leeren Augen.

Es regnete nicht mehr und Frances konnte, mit jedem Schritt, die Silhouette ihres Ziels im Tal klarer sehen. Ein Notschlachthof. Körperlich wäre die Arbeit sehr schwer. Und er stank nach Fleisch und Tod. Das Blut floss in Strömen in die Gossen. Wenige Menschen wollten oder konnten die Arbeit aushalten.

Frances hielt an, drehte sich um und guckte zurück zum Wald. Hatte sie etwas hinter sich gelassen? Trotz des zunehmenden Lichts regierte noch die Stille der Nacht.

Sie erinnerte sich an die Worte der Ordensschwester, der Schwester ihres Vaters, bei seiner Beerdigung.

„Wenn so ein Schicksalsschlag im Leben kommt, dann müssen wir das hinnehmen und halt versuchen anderen zu helfen“.

Plötzlich sah und fühlte sie die Wärme des Lächelns ihres Vaters. Sie drehte sich um, und sah das erste Licht der Sonne über das Tal. Sie ging weiter.

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