Einige Momente vom Leben Schwester Franziska. Teil Zwei.

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Sister Franziska today in Berlin. Portrait. Katja Harbi.

Winter 1940

Jetzt ist es zwei Jahre, seit Sissys Freundin, Hildegard, nicht vom Krankenhaus zurückgekommen ist, und sie fehlt Sissy noch. Aber ihr Vater hat mit ihr und den anderen Kindern lange und mehrmals darüber gesprochen und erklärt, dass Hildegard jetzt glücklich im Himmel mit dem lieben Gott sei. Hatte nicht Jesus schon gesagt,

‘Lasset die Kindlein zu mir kommen, dann ihrer ist das Himmelreich?’

Und immer wann sie Sorgen hatte, in der Nacht von dem Lärm von Flugzeuge aufwachte, oder wenn es im Schulhof manchmal so aussah, als wäre unter den Jungs Krieg das einzige Spiel, sagte ihr Vater, Alois, ihr, dass alles wieder gut sein würde, und trotz allem, weil er das sagte, glaubte ihm Sissy halt.

Obwohl sie immer bereit war anderen zu helfen, als Kind war Sissy doch eigenwillig und hatte keine Angst ihre Ideen zu verwirklichen. Wann immer die Kinder im Dorf Unfug anrichteten war Sissy immer dabei und war oft sogar die Anstifterin.

Eines Wintertages langweilten sich die Kinder im Dorf und wollten im Eis und Schnee Spaß haben. Am Abend, als die Eltern im Wohnzimmer saßen und lasen, nahmen Sissy und ihre Freunde heimlich einen Schlauch und ließen Wasser über die Wiese eines Nachbars laufen. Sissy war glücklich.

‘Heute Nacht wird es frieren. Morgen können wir wohl Schlittschuh laufen.’

Den nächsten Tag, als das Vergehen entdeckt wurde, bekamen die Eltern jedes der beteiligten Kinder zu hören:

‘Sissy hat gesagt, wir könnten das tun.’

‘Sissy hat gesagt das war erlaubt.’

Als ihr Vater sie zur Rede stellte, gab Sissy ihre Verantwortung zu und beschuldigte keine ihrer Freunde. Als er ihr heimleuchtete, konnte er nicht umhin, heimlich ihre Ehrlichkeit und Tapferkeit zu bewundern.

Sissy leitete sogar einen Raubüberfall an. Ziel der Kinder war der Dorfladen. Sissy gab jedem Kind genaue Anweisungen. Zwei Kinder hatten die Assistentin zu beschäftigen. Zwei hatten vor der Tür zu stehen und niemandem reinzulassen, und ein Mädchen hatte fünf Flasche Parfum zu stehlen. Eine für jedes der Mädchen.

Anschließend, um ein schlechtes Gewissen zu vermeiden, rannten sie sofort zur Kirche um zu beichten. Nach dem dritten Kind, ahnte der Pfarrer eine Verschwörung. Er verließ den Beichtstuhl und befahl allen Kindern die ‘genascht’ hatten, sofort mit ihm zu dem Laden gehen und alles zurückzugeben dass sie gestohlen hatten.

Glücklich waren ihre Eltern nicht, aber sie wussten, Kinder sind eben Kinder. Aber eines Tages im Spätsommer stiftete Sissy alle Kinder an, die reifen süßen Erdbeeren vom Feld zu sammeln. Hinter einem Zaun hatte sie einen guten Zugang gefunden. Glücklicherweise beobachtete ihr Vater aus seiner Werkstatt alles. Es war das einzige Mal dass er sie verprügelte. Lebensmittel waren schon in dieser Zeit sehr knapp.

Dann kamen in Januar 1941, mitten im Krieg, drei Nächte schreckliche Unwetter. Sturm und immer mehr Regen. Vater war der Leiter der Feuerwehr im Dorf.

Als er von seinem Bett die erste Nacht aufgestanden war, und durch das Fenster guckte, Regen, Schneeregen in Strömen, wusste er dass die Bauern die Hilfe der Feuerwehr brauchen würden.

Er drehte sich um, um von seiner Frau Abschied zu nehmen aber sie war nicht mehr da.

Als er runterkam und im Flur nach seinen Regenmantel griff, war sie dort, nahm seine andere Hand und gab ihm einen Apfel.

‘Und ich habe Brote in die Taschen deines Mantels gesteckt. Vergiss nicht die zu essen.’

Bevor er antworten konnte, dass er wusste dass dann nicht viel zu essen im Haus übrig blieb, sagte sie.

‘Und ich weiß wie schlimm die Sturmböen sind, aber zwischendurch, auch wenn das bloß eine Halbestunde sein kann, komm zurück nach Hause.’

Er senkte seinen Blick und nickte und nach einer kurzen Umarmung, öffnete die Tür, und verschwand in der Dunkelheit.

Als er den Garten verließ, und Richtung Feuerwehrwache lief, stellte er fest, dass schon drei, vielleicht vier der Dächer der Scheunen und Tierställen weggeblasen worden waren. Und dass nur in diesem kleinen Teil des Dorfes. Es war schwer zwischen dem Heulen des Windes und der Tiere zu unterscheiden.

Die Feuerwache war dunkel. Er schrie.

‘Hallo, wer ist hier? Gibt es Familienhäuser, die ihre Dächer verloren haben?’

Aus der Dunkelheit kam eine grimmige Stimme.

‘Zehn,…..mindestens.’

Die beiden fingen an, das Feuerwehrfahrzeug vorzubereiten.

Es regnete und regnete fürchterlich für drei Tage und Nächte und Vater hatte keine Gelegenheit zurück nach Hause zu gehen.

Endlich, nach einem dritten Sonnenuntergang trugen ihn drei seiner Feuerwehrmänner in sein Schlafzimmer. Familien, Tiere und Lebensmittel waren alle gesichert und der Notfall war vorbei.

Vater war erschöpft. Zunächst sah es für Mutter, die an seinem Bett wachte, so aus als müsste er nur schlafen. Nur widerwillig nahm Mutter, in ihrer Freude und Erleichterung dass er endlich zu Hause war, sein schweres, mühsames Atmen wahr. Das konnte kein erholsamer Schlaf sein.

Mutter ging ins Sissys Schlafzimmer. Sissy war nicht die älteste aber sie war die verlässlichste.

‘Sissy, Sissy. Wach auf! Du muss den Arzt holen.’

Vater kam ins Krankenhaus. Er litt an einer beiderseitigen, schweren Lungenentzündung. Da Mutter bei Vater im Krankenhaus geblieben war, versuchte Sissy, während der unvermeidlichen Abwesenheit ihrer Eltern, die anderen Kinder zu ermutigen, neue Spiele beim Kochen und Waschen und Saubermachen zu erfinden.

Als er ihrem noch schlafenden Mann zusah, konnte Mutter den Schmerz in den Augen des Facharztes sehen.

‘Ihr Mann wird immer schwächer. Es tut mir so leid, aber es gibt nichts was wir für ihn tun können.’

‘Wirklich gar nichts?’

‘Ihr Mann braucht dringend Penizillin. Aber es gibt es hier keins in Deutschland.’

‘Wo denn sonst?’

Jetzt guckte er ihr ins Gesicht. Mutter konnte sehen wie sich der Schmerz in seinen Augen vertiefte.

‘England.`

Er wollte ihr keine falsche Hoffnung geben, aber vielleicht gab es eine Möglichkeit.

In der Kriegskanzlei in London zeigte der Minister nur kurz Überraschung, als der General nebenbei erwähnte.

‘Nur zur Information, wir haben gestern der Wehrmacht in Köln Penizillin geschickt. Nicht viel. Aber hoffentlich reicht es.’

‘Ich habe keinen Einwand. Aber wissen wir wofür?’

‘Einen Tischler.’

‘Einen Tischler!’

Der Soldat wollte sich nicht fragen, ob es Empörung in der Stimme des Politikers gab. Schnell fügte er hinzu.

‘Mit sieben Kindern.’

Und verließ den Raum so schnell wie möglich.

Leider hat dieser Teil unserer Geschichte kein Happy End. Die englischen Ärzte konnten kein Deutsch und die deutschen kein English. Die Anweisungen auf der Penizillinflasche waren auf Latein geschrieben. Die behandelnden Ärzte, vielleicht, haben sie nicht richtig verstanden. Aber Vater hätte das Penizillin nur allmählich, über vier Stunde gespritzt bekommen sollen. Stattdessen wurde ihm alles auf einmal gegeben. In weniger als eine Viertelstunde war er tot.

In der Familie war die Trauer groß. Das jüngste Kind war erst sechs Wochen alt. Mutter hätte eine Beschwerde vorbringen können, aber gegen wen? Sie wusste, dass alle nur das Beste für ihren Mann gewollt hatten. Mutter hielt die Familie zusammen. Sie bestand darauf dass auch die Kinder bei der Beerdigung sein sollen, was zu dieser Zeit auch ungewöhnlich war. Mutter brachte sie oft zu seinem Grab. Sie beteten und weinten zusammen.

Sissy hat ihr Vater ein letztes Mal in seinem Sarg gesehen. Sie war sicher, trotz ihrer Trauer, dass er sie anlächelte.

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