Einige Momente aus dem Leben Schwester Franziska

Ich habe in diesem Sommer viel Zeit damit verbracht, mit einer Nachbarin zu reden. In ihrem langen Leben hat sie als Kind die Nazizeit erlebt, als junge Frau den Krieg und die schwere Nachkriegszeit. Geprägt von der Christlichkeit ihrer Eltern wurde sie Ordensschwester und zog in die DDR um dort als Missionarin zu leben.

 Portrait.  Katja Harbi
Portrait. Katja Harbi

Als ich ihr sagte, dass sie eine bemerkenswerte Person sei, winkte sie ab, aber stimmte zumindest zu, dass sie ein interessantes Leben geführt hätte. Ich konnte sie überreden, mir einige wichtige Momente ihres Lebens zu erzählen, so dass ich sie aufschreiben könne. Das Resultat dieser Zusammenarbeit wird hier über die kommenden Wochen in sieben Teilen veröffentlicht werden.

 

Einige Momente aus dem Leben der Schwester Franziska.

‘Wann kommt Hildegard zurück?’ fragte Sissy zum dritten Mal an diesem herrlichen Sonntag.

Frances, schon immer in der Familie als Sissy bekannt, ist sieben, aber schon praktisch, intelligent und frech.

Ihre Mutter antwortet mal wieder, dass sie es nicht weiß.

Die Mutter, Wilhelmina, ist besorgt, sogar erschüttert. Wie kann man einem Mädchen erklären, dass ihre Freundin, freudig und glücklich, geistig behindert aber nicht krank, ins Krankenhaus aufgenommen und ‘aus Versehen’ fehlbehandelt wurde und infolge dessen gestorben ist?

…Und daraufhin nie zurückkommen würde. Mutter kann es selbst kaum fassen.

Was kann ein kleines Mädchen damit anfangen?

Es ist 1939 in einem Dorf in der Nähe von Münster in Westdeutschland.

Frances wurde 1932 in Münster geboren. Sie war das zweite von sieben Kindern. Alle Kinder waren, ihrem Alter entsprechend, groß, dunkel und hübsch, bis auf Sissy. Sie war klein, blond, tatkräftig und manchmal eigenwillig.

Die Familie wohnte in einem kleinen Dorf. Im Dorf gab es nur Bauern und selbstständige Geschäftsmänner wie ihren Vater. Er war Tischler. Ihr Vater war ein anständiger und angesehener Mann und die Familie wurde wohlhabend. Es gab sogar ein Hausmädchen, welches der Mutter und ihrer ständig wachsende Familie half.

Wilhemina und Alois
Wilhemina und Alois

Die Mutter gebar jedes Jahr, sechs Jahre lang, je ein Kind, welches immer, wie Schwester Franziska sagt, aus Gottes Hand angenommen wurde’, und dann, zwei Jahre später, ein letztes. Jeder Geburtstag, Weihnachten und Ostern wurde herzlich gefeiert. Onkel Franz sang in einem Chor und leitete die Kinder beim Musikspielen an. Gertrude spielte Harmonika, Hans spielte Trompete, und Sissy, Hans, August, Marianna, Toni, Tina, sangen alle mit.

Schwester Franziska hat keinen Zweifel daran, dass Katholismus eine zentrale Rolle in der Lebensfreude, dem Selbstbewusstsein und dem Glück der Scharen der Kinder des Dorfes spielte. Vielleicht war es aber eher der Glauben innerhalb der Familien der Dorfbewohner, der den lieben Gott zu einer allgegenwärtigen Präsenz in ihrem Leben machte. Zu beten, selbstverständlich aber auch zu diskutieren, sogar sich mit Gott auseinanderzusetzen, hat Sie von ihrer Mutter gelernt. Gott war streng, Sünden durften nicht begangen werden. Aber er war nur so, weil er als Vater die Liebe und das Glück aller seiner Kinder wollte.

In seiner Weltoffenheit und Einschließlichkeit war dieses Verständnis von Gott in der Familie den Zeiten voraus. Das Leben im Dorf in den Dreißiger Jahren hatte leider auch seine dunklen Seiten. Dem Schein nach durch Religion vereinigt, war das Dorf von Intoleranz und Vorurteilen gespalten.

Die Trennung zwischen den Gemeindeschichten wurde streng kontrolliert und erzwungen. Die einheimischen Bauern heirateten untereinander. Die selbstständigen Geschäftsleute ebenso. Daraus ergaben sich Ehen unter Verwandten und dadurch Inzest.

Leider mischte sich der Pfarrer im Dorf auch in die Freundschaften der Familie ein, damit sie ‘gute Katholiken’ blieben. Die Nachbarn, auch ‘eine kinderreiche’ Familie, waren die einzige evangelische Familie im Dorf. Und die Tochter, Hildegard, war Sissys Freundin.

 Hildegard (ex rechts) und Freunde
Hildegard (ex links) und Freunde

Eines Tages kam der Pfarrer zu ihr und versuchte ihr klarzumachen, dass so eine Freundschaft für ihre Seele gefährlich sein könnte und dass sie Hildegard lieber meiden solle. Obwohl noch so jung, war Sissy sofort klar dass sie, zumindest für eine Weile, den Pfarrer und die Kirche meiden musste. Sie wusste, dass der Liebe Gott Hildegard nicht weniger liebte als sie, und dass ihre Freundschaft niemals eine Sünde sein könnte.

Und dann es gab zu dieser Zeit natürlich auch die Nationalsozialisten. Die Familie und insbesondere die Mutter, Wilhemina, standen unter Verdacht der Nationalsozialisten, weil sie fünfzehn Jahre lang als Köchin für eine Jüdische Familie, einer wohlhabenden Familie, die eine Fabrik besessen hatte, gearbeitet hatte. Und schlimmer noch, die beiden Familien waren gut befreundet gewesen. Die Fabrikbesitzer waren Gäste bei der Hochzeit von Wilhelmina und Alois gewesen. Sie hatten sich auch immer großzügig gezeigt und hatten Wilheminas kinderreicher Familie viele Geschenke gegeben.

Aber unter die Nazis wurde das Leben der Juden immer schwieriger. Auch im Dorf. Vielleicht aus Eifersucht hat jemand im Dorf Wilhemina bei der SS, die Staatssicherheit, angezeigt. Der Informant behauptete jüdische Männer seien in der Nacht gekommen und hätten in Wilheminas Garten viele Wertgegenstände begraben. Die SS kam mehrmals, durchsuchte das Familienhaus und den ganzen Garten. Aber sie fanden nie etwas. Sie fragten die Mutter immer wieder, wo sie die Wertsachen versteckt hielt. Sie antwortete immer.

„Ich weiß nicht.“

Die Eltern der jüdischen Familie und drei ihrer fünf Kinder, wurden in Auschwitz ermordet.

Zehn Jahre später, in der schwierigen Nachkriegszeit, tauchte ein junger Mann im Dorf auf. Er war einer der zwei Kinder dem die Flucht nach Amerika gelungen war. Er hat einen Zettel von seinem Vater mitgebracht, auf dem stand, dass er bei Wilhelmina im Garten eine kleine Kiste begraben hatte.

Als sein Vater zu Wilhemina gekommen war und gefragt hatte, ob er bei ihr eine Kiste verstecken könnte, hatte sie bejaht, aber die Bedingung gestellt, dass sie nicht wissen wollte wo. So konnte sie immer sagen, sie wüsste nichts.

Der junge Mann grub im Garten unter einem Himbeerstrauch. Dort fand er die Kiste seiner Eltern, mit Wertsachen und wichtige Dokumenten. Wie sein Vater war er großzügig und Wilhemina dankbar und, um ihre Not zu lindern, ließ er ihr eine schöne Summe Geld zurück.

Natürlich haben ihre Eltern, so weit wie möglich, Sissy und die anderen Kinder von diesen Geschehnissen geschützt. Aber vor dem Verschwinden von Hildegard konnten sie Sissy nicht schützen.

Der englische und katholische Schriftsteller, Graham Greene, hat einmal geschrieben dass es einen Moment in jeder Kindheit gibt, wenn ein Fenster in die Zukunft geöffnet wird. Von diesem Moment an, können wir ein Leben von Sinn und Bedeutung verfolgen. Vielleicht war für Franziska der Tod ihrer Freundin Hildegard dieser Moment. Höchstwahrscheinlich auch von den Nazis ermordet, hat dieses schreckliche Vorkommen paradoxerweise alles was Franziska schon in ihrer Familie über Gott und Liebe und die Würde jeder Mensch gelernt hatte, nur weiter bestätigt und verfestigt.

Martin, seine Schwester Hildegard und Sissy
Martin, seine Schwester Hildegard und Sissy

Seit über siebzig Jahren strahlen ihre Freundschaft, und deren unschuldiges, unerschütterliches Licht durch dieses düstere Fenster.

‘Sie war einfach meine Freundin.’

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