Ein merkwuerdiges Urlaubs Thema.

In diesem Blogeintrag geht es um das Zahlen von Steuern. Ich hatte nicht vor, über Steuerhinterziehung zu schreiben, während wir in Urlaub in Corralejo auf Fuerteventura auf den Kanarischen Inseln waren. Aber das Thema verfolgte mich irgendwie oder besser, kam zu uns in Gestalt von einem der ‘Bar Hustlers’ auf die Hauptstrasse von Corralejo…

 

Das kristallklare Sonnenlicht des Spätnachmittags hatte gerade angefangen nachzulassen, als wir den noch jungen Mann, der auf uns zukommt, erkennen. Mit meinem zögerlichen Spanisch unterbreche ich seine ‘dies ist die beste Bar der Insel’ Rede, um ihm zu sagen, dass wir ihn vom letzten Jahr vom Hafenrestaurant kennen, and vom vorletzten Jahr von unserm Lieblingsrestaurant Restaurant auf Lanzarote.

 

Er lächelt, und zitiert uns die Namen der Restaurants, ohne uns in die Augen zu gucken. Ich glaube nicht mal er versucht sich an uns zu erinnern. Er trägt einen Filzhut, Koteletten und ein Hawai Hemd, alles gegensätzlich zu seinem schicken Anzug von letztem Jahr. Vielleicht das Outfit seiner Vorstellung, oder die seines Chefs, eines coolen Türstehers einer Musikbar. Ich frage mich ob es nicht besser für ihn gewesen wäre, da er ja auch nicht jünger wird, wenn er zu einem vornehmeren Restaurant gewechselt hätte, eher als zu einer Bar. Aber was er dann sagt, in seinem perfekten Deutsch, überrascht mich sehr.

 

‘Nein, ich habe das Restaurant verlassen, weil es so schrecklich war, absolut schrecklich! Der Boss dieses Restaurants, er ist total unehrlich, und korrupt und komplett gewissenlos. Er behandelt seine Mitarbeiter wie Scheisse, like shit actually!’ (Er kann Englisch so gut wie Deutsch…) ‘Korrupt! ….Und sowieso! Hier ist es viel, viel besser! Wollt Ihr euch in die Sonne oder in den Schatten setzen?

 

Zuerest dachte ich, wir sollten wirklich aufhören uns mit diesem Mann zu unterhalten. Ich erinnerte mich an letztes Jahr, als er uns erzählt hatte, dass er Lanzarote verlassen hatte weil einige Marrokaner ihn verfolgt hatten und die Marrokaner, die eigentlich Mächtigen auf der Insel waren und Lnazarotte jetzt viel zu korrupt sei. Daher, und auch weil 17:00 Uhr einige Stunden zu früh, und in meinem Alter, zwanzig Jahre zu spät für ein rock ‘n’ roll cocktail (‘Der Zweite kommt umsonst!’) war, sagten wir dem Typen, dessen Job in der deutschen Sprache keinen richtigen Namen hat, ‘Tschüss!’ und überliessen ihn seinem, scheinbar paranoiden, Schicksal.

 

Auf der anderen Seite sind seine Aussichten vielleicht nicht so schlecht, weil, nach einigen mageren Jahren, jetzt wieder mehr Touristen, Engländer, Deutscher und Italiener, nach Fuerteventura kommen. Den nächsten Tag rede ich mit einem Spanischen Friseur….(wieso gefällt es mir im Urlaub meine Haare schneiden zu lassen? Bin ich der Einzige?) und er erzählt von einem grossen Problem und einer grossen Hoffnung. Das Problem, und wir sollten das noch öfter hören, sind die Alles Inclusive Hotels. Die bringen zwar mehr Touristen, die am Hafen oder auf der Hauptstrasse bummeln, aber sie kaufen fast nichts. Den Abend verbringen sie in den Hotels, dort essen sie und betrinken sich ‘gratis’ an den Hotel Bars. Die Hoffnung sind die Russen.

 

Neue, direkte Flüge aus St Petersburg bringen eine Welle reicher Russen. Er macht klar, dass das nicht einfache normale Russen sind, so wie normale Deutsche oder Engländer oder Spanier, so wie er und ich. Nein, sie sind reich, anspruchsvoll und unhöflich. Immerhin geben sie viel mehr Geld aus pro Urlaubswoche als alle anderen Europäer. Ich frage nach dem 5 Sterne Hotel, worin viele von ihnen potentiell ihre Unterkunft finden, illegal erbaut im fragilen ökosystems des National Parks am südlichen Rand von Corralejo. Welches, lange schon, eigentlich abgerissen werden sollte.

 

‘Das hat sich erledigt’, sagt er, ‘Das darf jetzt noch siebzig Jahre stehen bleiben. Geld redet ganz klar, oder!’

Jetzt kurzgeschoren, laufe ich zum Hafen um einem weiteren beliebtem Urlaubsvergnügen zu fröhnen, dem Lesen der lokalen Zeitung, begleitet von einem alkoholfreien Bier. In den Schlagzeilen in ‘El Mundo’, geht es um einen Finanzamtsbericht der Spanischen Regierung. Darin wird die spanische Schattenwirtschaft als fast ein Viertel des gesamten Bruttoinlandsproduktes Spaniens eingeschätzt. Vor zehn Jahren hat die Europäische Union ein Gutachten über die Grösse der Schattenwirtschaft in jedem Mitgliedsstaat in Auftrag gegeben. Und Platz eins…? Belgien. Keine Ahnung wieso, aber auf zweitem Platz, Spanien. Die Teile von Spanien, die am meisten betroffen sind, sind die am wenigsten entwickelten wie Andaluzien, Extramadura oder die Kanarischen Inseln.

 

Vielleicht, in der Hoffnung einer Wiederaufestehung reiner Ignoranz, die manchmal so viel mehr unschuldige Freude bringen kann, mieten wir für einen Tag ein Auto und einen Fahrer. Wir erleben klare Aussichten über Vulkane, Küste und Meer, und die dramatische kahle und braune Landschaft der Insel.

 

Ein neues Touristenzentrum, auf siebenhundert Meter Höhe, bietet einen erstaunlichen und wundervollen Blick über die Insel. Aber beim Lesen der Ausstellung versteht man schnell, dass romantische Einstellungen über die natürliche, elementale Schönheit der Insel fehl am Platz sind. Bevor Fuerteventura zum ersten mal von Europärn, Normannen, (und hochstwahrscheinlich waren die Timmons, als Steuermänner auch dabei!) überfallen wurde, und die nordafrikanischen Ureinwohner unterworfen wurden, gab es im allgemeinen viel mehr Büsche, Gras und Bäume als jetzt. Die Anbauverfahren der Europäischen Bauern und die überverhältnismässige Nutzung untererdischen Wassers trockneten die Böden aus and verwandelten die Insel in eine Wüste. Eine der vornehmensten normannischen Familien waren die Bethancourts. Nach ihnen wurde eine kleine Stadt hier benannt. Die Bethancourts sind noch eine sehr reiche und einflussreiche Familie in Frankreich die während Sarkozys Zeit der Korruption beschuldigt wurden.

 

Auf dem serpentinreichen Weg weiter in den Süden des Landes erwähnen wir zu unserem Fahrer, Jimmy, einem Engländer aus Devon, die Erfahrung mit unserem ‘Bar hustler’.

 

‘Neee,’, sagt Jimmy, der schon seit sieben Jahre in Fuerteventura wohnt und arbeitet, ‘nee, er hat absolut recht! Auf jeden Fall! Korruption? Ja, hundertprozentig! Die Zeitungen sagen, dass ungefähr fünfundzwanzig Prozent hier keine Steuern zahlen. Ist nicht so! Die Zahl ist umgekehrt! Ich kann euch sagen, in Corralejo zahlen achtzig Prozent keine Steuern! Und wieso? Ganz einfach. Jeder hat einen Arbeitsvertrag für Teilzeit, beispeilweise, zwölf Stunden pro Woche. Und man bezahlt Versicherung und Steuern für zwölf Stunden. Aber natürlich arbeitet man Vollzeit, sechzig Stunden pro Woche! Und jeder macht das! Jeder, weil wenn nicht, wird dein Geschäft nicht überleben.

 

Und so lange du dich gut mit den richtigen Leuten verstehst, dann läuft alles gut. Es gibt eine Bar um die Ecke von der Hauptstrasse. Ollies, oder so was? Du kennst sie, ja? OK, laute Musik durch die Nacht, drei Uhr morgens besoffene junge Leute kotzen auf der Strasse, ja, die Nachbarn ärgern sich, und alles drum und dran. Ich weiss in der Tat hat er nur eine Lizenz, Cafe und Kuchen zu verkaufen. Aber er versteht sich gut mit den richtigen, wichtigen Familien in Corralejo. Kennt Ihr die grosse Bar am Hafen, die mit den grossen Fahnen, ja? Diese Leute sind die Eigentümer von vielen anderen Bars und Restaurants in Corralejo. Ich kenne eine Bar, die eigentlicht nichts mit diesen Leuten zu tun hat, aber die schicken jeden Monat Geld nur damit die keinen ärger kriegen.

 

 

Was die besonders ärgerlich finden ist wenn man ein bisschen Erfolg unter den Spaniern selbst hat. Wenn es nur um nur um Touristen geht, dass nehmen die nicht so ernst. Aber wenn die wollen, können die Sie zu schliessen bringen. Wieso? Tja, ganz einfach…. jeder weiss, dass jeder trickst! Drei Jahre hatte ich meine eigene Bar. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Spanier. Als nächstes steht die Polizei um halb drei vor der Tür. Die wollen wissen wieso die Musik noch läuft. Und sie hatten recht! Laut Lizenz durfte ich ur bis 2:00 Musik spielen. Aber warum sind die zu mir gekommen…. wenn andere Bars, mit genau der gleichen Lizenz, noch viel lauter Musik als wir spielen! Dann kommen sie ein zweites Mal, und noch ein mal, die Fenster sind nicht dick genug, und was weiss ich… und die Strafen fangen an richtig Geld zu kosten…und am Ende erwähnen die Arbeitsverträge und dann weisst du, du wirst die nie wieder los. Und so gibt man auf! Ich ziehe zurück nach England im Herbst.’

 

Er fährt langsam um noch eine Haarnadelkurve Richtung Flachland. Schöne Kanarische Palmen schwanken im Wind. Unter ihnen sieht man trockene Flussbetten, kleine Büsche und moosgrüne Steine. Zurückblickend zu den kahlen Bergen, jetzt ohne romantischen Glanz mit unserer neugewonnen Kenntnis menschlicher Achtlosigkeit, sieht dieses Grün hoffnungsfroh aus. ‘Kann sein’, sagen uns viele Bewohner, ‘aber das Klima hat sich in den letzen drei, vier Jahren, verändert. In der Vergangenheit hat es nur ein oder zwei mal pro Jahr geregnet.’ Während unseres Urlaubs regnete es schon zweimal am ersten Tag und mehr noch die Woche danach.

 

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