Geschichte ist ein Albtraum

Folgendes ist ein Teil der  ‘Yes we Scan’ Ausstellung bei Galerie Emma T Lehderstrasse Weissensee Berlin. Sie laeuft bis ende Oktober 2013.

James Joyce hat einmal geschrieben; “Geschichte ist ein Albtraum, aus dem ich zu erwachen suche.”

1975 – Liverpool. Der Jesuit breitet Zeitschriften vor uns auf dem Boden aus. Der Tag ist hell und die Sonne scheint durch die hohen Fenster. In jeder Zeitschrit findet er die Inserate für Fernreisen und exotische Urlaube, schöne Bilder von Afrika, Thailand und Indien. Dann schaut er uns, junge Männer mit fünfzehn oder sechzehn, an.
“Was sagen Sie dazu?” Stille. Er guckt uns an und sagt: “Das ist eine Obzönität!”
Ich würde mich niemals wieder im Leben so mächtig fühlen.

33 – Palestina. An einem bestimmten Moment kommt der Spitzel in den Garten und küsst den jungen Mann, damit die Soldaten wissen, dass er der Richtige ist. Sie wissen fast nichts über ihn. Trotzdem werden sie ihn töten. Zugute der Anderen.

1976 – Liverpool. Eine Englisch Literatur Stunde; eine Diskussion über Bill Naughtons Kurzgeschichtensammlung “Die Rache des Torwarts”. Der Lehrer, Herr Schmidt, klein, mit kurzgeschorenem Bart, leicht auf die Palme zu bringen, möchte wissen, was wir zu der folgenden Aussage einer der Charakter, denken;

“Du besitzt nichts in Leben, es sei denn, du hast es selbst geschaffen, oder du hast das Geld, um es zu kaufen, selbst verdient.”

Wir gucken ihn an, ahnunglos. Er starrt jeden einzelnen von uns in der ersten Reihe an, kommt ganz nah heran. “Ist jemand zu Hause?” giesst er sarkastisch in unsere Stille hinein.
Langsam, empört, geht er durch die Reihen, bis die Letzte. Seine Stimme voll mit Schmerz und Enttäuschung, “……nichts?”

Endlich, entschlossen, marschiert er nach vorn und knallt sein Buch auf seinen Tisch.

“Um Gottes Willen, es ist die Wahrheit oder nicht? Es ist doch wahr, oder?”
Er starrt uns an, fassungslos. Seufzend, achselzuckend, können wir nur unsere Dummheit bedauern.

532 – Mesopotamien. Der Heilige Simon Stylites klettert auf seine Säule. Von hier, weit oben, kann er die Wüste und die Menschen überwachen und verspricht seinem Gott, er hat alles unter Kontrolle. Die Leute machen sich über ihn lustig, aber manche kommen in der Nacht mit Essen und Fragen.

1979 – Liverpool. In dieser Zeit gab es keine Überwachung, ausser für Iren. Leider sind wir Irisch. Ein Mittwochabend, wie viele andere. Wir sehen fern. Ken Livingston, Labour Partei Politiker und, einige Jahre später, Bürgermeister von London, im Gespräch:
“Und naturlich bin ich unter Überwachung”.
“Wie können sie das so sicher sagen?” fragt der Moderator. Er wirkt skeptisch.
“Weil,” erwidert der Politiker, ganz locker, “die Technologie nicht so hoch entwickelt ist. Wenn ich den Hörer auflege, und dann sofort wieder abhebe, kann man den Kassetenrekorder stoppen hören.”
Er lächelt ironisch, und fügte dazu,
“klick, klick, wirrrr.”
Ein bisschen später gehe ich zu unserem Telefon, hebe den Hörer ab und rufe Tim, die Zeitansage, an: Beim nächten Ton ist es genau 19:15….
Ich lege langsam auf und hebe den Hörer wieder ans Ohr….
klick, klick, wirrrr.

1979 – Liverpool. Arbeitslos, nicht alt aber schon zu alt, deprimiert, er starrt den Bildschirm an. Sein Leben, wie sein Körper, ist ausser Kontrolle geraten, trotzdem wittert er Veränderung. Er murmelt zu Niemandem. “Werde reich, mein Sohn, werde reich”.

1980 – Liverpool. Ich bin achtzehn. Ich ziehe meine Turnschuhe an um joggen zu gehen. Mein Vater guckt mich an, völlig entgeistert.
“Warum denn das? Bist du verrückt? Hast du die Zeitung schon gelesen? Hast du kein gutes Buch, dass du lesen kannst?

1983 – Liverpool. November. Nachmittag. Draussen es ist schon dunkel. In der Kneipe wartet mein Vater auf einen Freund den er möglicherweise verpasst hat. Heute gehorchen ihm die Beine nicht so gut …. Ein Man, den er nicht kennt, kommt von der Theke und setzt sich neben ihn.
“Ich habe ihren Akzent überhört. Sie sind Ire oder?”
Mein Vater nickt.
“Ich bin aus Dublin. Bin nicht lang in England”.
Mein Vater sagt nichts.
“Fahren Sie manchmal nach Irland zuruck?”
Mein Vater schwiegt. Dann fragt mein Vater.
“Wie war nochmal die Strassenbahnnummer von Dublin nach Dalkey? Am Strand hatte ich immer viel Spass. Wie war nochmal die Nummer?”
Der Mann schweigt.
Mein Vater guckt dem Mann in den Augen.
Und er weiss – und er weiss, dass der Mann weiss….

1994 – London. Ich treffe zufällig einen alten Freund in der U-Bahn in London. Die U-Bahn ist voll, es ist schwer sich aufeinander zu zubewegen.
“Hi”, sage ich mit erhobener Stimme ich, “schön dich wieder zu sehen”.
“Ebenfalls! Deine Artikel, die jetzt immer in “The Times” erscheinen sind toll!”
“Nein,”, sage ich noch lauter, immer weiter in Richtung Zugtüren geschoben werdend. “Das ist ein anderer Nicholas Timmons: der Journalist.”
“Nein,” erwiderte er aus der Ferne, “…ich bin mir sicher, dass du das bist”
“OK”, gebe ich nach, angesichts seines unerschütterlichen Glaubens.

1819 – Wien. Josephine kommt spät in der Nacht, verschleiert und mit falschen Papieren. Ihr entfremdeter Ehemann hat ihr schon drei ihrer Kindern weggenommen. In den Schatten sieht sie immer Männer. Sie wird immer bespitzelt. Ihr Mann wird die anderen Kinder auch wegnehmen. Für seine “unsterblich Geliebte” kann Beethoven nichts tun.

1998 – London. Es ist spät abends. Ich fahre allein im Taxi nach Hause. London ist riesig gross und kalt. Der Fahrer kann irgendwie meine Einsamkeit fühlen. Mein Leben ist ausser Kontrolle geraten.
“Warst du schon mal in Thailand?” fragt er.
“Nein”, sage ich, mich jetzt schon schämend darüber, was er als nächstes sagen wird.
“Da Drüben, würden sich Frauen, ja, auch junge Frauen, gut um dich kümmern”.
Ich wuerdige ihn keiner Antwort, aber denke über das Gesagte nach.

2001 – London. Wir sitzen zusammen in der Kneipe. Kleines Bier. Wir versuchen ein anderes Thema als den Immobilienmarkt zu finden. Der Markt ist ausser Kontrolle. Wir sind dankbar, glücklich und fasziniert. Hintergedanken von Schuld machen sich breit.

2004 – London. Der alte Amerikaner, genauso alt wie mein Vater; siebzig, Stirn botoxgeglättet und mit versteckter Bauchbinde fragt.
“Und – wie alt ist diene Schwester?
“Zweiundvierzig”.
“Genau meine Zielgruppe”, sagt er.

2012 – Die Paralympischen Spiele. Ich bin bitter entäuscht. Alle Körperteile sind unter Kontrolle. Wir Behinderten bespitzeln unsere Körper, entschlossen alle Gefahr ausser Kontrolle zu geraten, zu unterdrücken.

2013 – Berlin. Ein Freund aus Liverpool ruft mich an, erzählt mir von seinen Erlebnissen beim Paint Ball, Bungeespringen, Fallschirmspringen, Segelfliegen und Schwimmen mit Haien…
“Wie weit ist Berlin von der Ukraine?
“Ich weiss nicht. Warum?”
“Weil ich vieleicht dort Urlaub machen werde. Ich habe gehört dass man dort aus echten Panzern schiessen kann.”

1633 – Italien. Die Inquisition. Galileo werden die Folterinstrumenten gezeigt.

2013 – Und jetzt wissen wir alle Bescheid über Geheimgefängisse, geheime Oparationen, psychologische Operationen, Isolierzellen, Wasserfolter, Guantanamo, ausserordentliche Auslieferung, Abu Ghraib, Obamas Todesliste, Dronen, die NSA und Prisma, Tempora und GCHQ.

2013 – Berlin. Kiezfeier – ein Mann bleibt am Rand. Weder spricht noch trinkt er mit uns. In seinem reinen Herzen glaubt er, dass er uns beschützt. Manche Leute spassen nie.

Bessere Zeiten kommen nicht nach Schlechteren, so wie der Tag der Nacht folgt……

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