Schwester Franziska und Freunde vor dem Cafe Emma T.  Photo Katja Harbi.

Schwester Franziska und Freunde vor dem Cafe Emma T.    Photo Katja Harbi.

Schwester Franziska ist jetzt zweiundachtzig. Sie leidet an Knochenkrebs. Die Wirbelsäule und die Hüfte sind, wie sie sagt, kaputt. Die Krankheit können die Ärzte nicht rückgängig machen. Im Herbst wird sie nach Münster umziehen, um den letzten Teil ihres Lebens mit ihren Mitschwestern zu verbringen. Ihr Orden, die Schwestern der göttlichen Vorsehung hatte sich, vor vielen Jahren, bei ihr für die Zeit der Exklausierung entschuldigt.

Im Juli dieses Jahres hat sie fünfzig Jahre in Ostdeutschland gelebt. Während ihrer Jahre in Weissensee gab es natürlich auch Herausforderungen.

Als sie zum ersten Mal die Küche in St Josefs betrat, sah sie sofort.

„Die Küche war eine Katastrophe.“

Es gab eine Köchin. Aber die Schwester war krank, und sie war schon über achtzig. Die Patienten waren für das Kochen verantwortlich. Geistige kranke Patienten fand es natürlich schwer, Essen für mehr als dreihundert andere Patienten, vorzubereiten. Schwester Franziska kann sich noch sehr gut daran erinnern.

„Alles wurde zusammengeschmissen in einen großen Topf. Kartoffeln, Gemüse und Fleisch, und alles gekocht bis es weich war. Na gut.“

Trotzdem hatte Schwester Franziska, mit der Hilfe der Patienten, alles in einigen Monaten geregelt. Es war vereinbart worden, dass Franziska die Leiterin der Küche werden sollte, und nur einmal pro Woche zurück zum Kloster in Räckelwitz kommen sollte.

Nach einem Jahr wurde ihr Vertrag für ein weiteres Jahr verlängert, und daraus wurden mehr als zwanzig Jahre.

Im Allgemeinen waren diese Jahre schwer aber schön. Kochen führte wie ein Faden durch ihr ganzes Leben, der zurück zur Liebe ihrer Mutter, Wilhemina, führte. Sie arbeitete auch als Ausbildende für Köchinnen und, wie sie stolz sagt:

„Keine Studentin ist bei mir durchgefallen…natürlich gab es schwächere Schüler, aber dann musste man eben mehr von sich selbst geben, langsamer erklären und zeigen was nötig ist.“

Auf der anderen Seite gefiel ihr Zustand als gewissermaßen unabhängige Schwester, den anderen Geistlichen nicht immer. Sie beklagte sich bei ihrem Bischof, dass eine Oberin eines anderen Ordens sie kontrollieren wollte. Er machte der Oberin klar, dass sie die Küche der Schwester nicht mehr betreten dürfte.

Die Zeit nach der Wende war auch schwer. In der DDR hatte das Krankenhaus von der Selbstversorgung gelebt. Sie hatten Kühe und Schweine gehabt und hatten Früchte und Gemüse geerntet. Die Patienten arbeiteten auch in der Küche und in den Gärten. Nach dem Mauerfall durften die Patienten nicht mehr arbeiten, die Selbstversorgung wurde als zu teuer betrachtet. Als Küchenleiterin wurde es immer schwerer für sie die Patienten zu versorgen. Endlich kam es zu einer Konfrontation.

In der DDR verdienten die Ärzte in den kirchlichen Krankenhäusern weniger, als in den staatlichen. Aus diesem Grund bekamen sie ihr Essen in St Josefs umsonst. Nach der Wende, als die Ärzte und die Krankenschwestern einen viel besseren Lohn bekamen, wollten sie jedoch diese Konzession nicht aufgeben. Allerdings bekam Schwester Franziska nicht mehr Geld für das Essen der Patienten als vorher. Sie beharrte darauf, ab jetzt durfte das Essen nur noch für die Patienten umsonst sein.

Als ihr klar wurde, dass die Ärzte dachten, sie meine es nicht ernst und, wie immer, ohne Geld zum Mittagessen kamen, machte sie die Küche einfach zu. Danach haben sie die kleine Schwester besser verstanden.

Dann gab es auch einen Priester, der wollte sie vor einer Freundin in Berlin, einer Evangelischen Pfarrerin, bewahren. Er, und der Orden, sind so weit gegangen, Schwester Franziska eine Abmahnung zu geben. Sie müsste sich von dieser Pfarrerin fern halten. Ein weiteres Mal dachte sie darüber nach, ob es besser wäre den Orden zu verlassen, als sich dieser unmenschlichen Disziplin unterzuordnen.

Aber dann hatte sie, von einem Bischof, einem grauhaarigen, lächelnden Franziskaner, Trost und Verständnis bekommen.

„Du bist eine gute Schwester. Nimm alles nicht so ernst und mach einfach weiter wie bisher.“

Am Ende kam sie zu dem Schluss, dass, obwohl Menschen Fehler machten, im Grunde genommen der Orden gut war. Schwester Franziska hatte immer versucht von sich selbst zu geben, aber sie schätzte, dass als Schwester ihre Aufopferung auch eine andere Bedeutung hatte.

Eines Morgens kam eine junge Schwester zu ihr in die Küche. Sie arbeitete mit Schwester Franziska, und Franziska versuchte ihr Kochen beizubringen. Die junge Schwester wirkte frustriert und ungeduldig. Sie wollte immer nur beten und den lieben Gott loben.

„Wäre es nicht besser, Schwester Franziska, wenn wir in der Stille des Klosters blieben, und nur sprächen um unsere Liebe zu Jesus zu verkündigen? Jede andere kann tun, was wir hier machen.“

Schwester Franziska guckte in der Küche herum. Sie waren allein. Dann guckte sie, durch die große Küchendurchreiche, in den Speisesaal. Dort waren fünf oder sechs Patienten. Ein Mann, der in St Josefs gealtert war, wartete schon an der Essensausgabe. Eine junge Frau, nicht älter als die junge Schwester, saß allein. Ihre Augen waren leer. Ein junger Mann lief restlos hin und her. Er murmelte zu sich selbst. Sie drehte sich zurück zu der jungen Schwester.

„Schwester, ist Jesus hier?“

„Jesus ist überall.“

„Richtig. Und was will Jesus für unsere Patienten.“

Die Schwester wirkte jetzt ein bisschen verunsichert. Schwester Franziska fügte hinzu.

„Das ist keine Fangfrage. Was würde Jesus für diese Menschen wollen?“

„Das sie geheilt werden.“

„Eine schöne Antwort. Und wie würde Er das verwirklichen?“

„Dass sie Ruhe bekommen und“, sie zögerte ein Moment, „..und gutes Essen.“

Schwester Franziska stand vor die junge Schwester und nahm ihre Hände in ihre eigene.

„Ja und Jesus hat, in dieser Küche, keine anderen Hände als diese. Keine anderen Arme, keine anderen Beine, Ohren oder Augen als unsere. Wir versuchen das Gesicht der göttlichen Vorsehung zu sein. Das ist unsere Pflicht und unsere Freude.“

Es gab ein Moment der Stille. Dann drehte sich Schwester Franziska um und reichte der jungen Schwester einen großen Topf, und sagte.

„Und jetzt Rühreier für fünfzig.“

Mit neunundsechzig Jahren in 2001, ging sie in Rente.

Mit den Ärzten im Krankenhaus in Buch hatte sie sich, in letzter Zeit, gut verstanden. Oder besser gesagt, verstanden sie Schwester Franziska gut. Sie hatte Chemotherapie abgelehnt, und wollte die Ärzte auf andere Patienten hinlenken. Sie wurde gefragt, ob sie nicht, wie so oft in ihrem Leben, etwas Vorteilhaftes für andere tun wolle. Sie hatten ein Medikament, das noch nicht komplett erforscht war. Es könne ihr nicht schaden, sondern vielleicht ihr Leben verlängern. Mit ihrer Erfahrung wäre es dann möglich, andere besser zu behandeln. Daher ist Schwester Franziska, wie sie sagt, mit zweiundachtzig, eine Art Versuchskaninchen geworden und wie sie in letzter Zeit von ihren Ärzten gehört hat, durch ihre Hilfe geht die Forschung besser voran.

Aus der fünften Etage ihrer Wohnung in der Lehderstrasse guckt sich Schwester Franziska die Sterne an und fragt sich was nach dem Tod passiert. Es ist Spätsommer. Ihre Zeit in Weissensee und in Berlin geht langsam zu Ende. Es wird dunkel, aber, mit der Dunkelheit taucht jeden Moment ein neuer Stern auf. Sie fragt sich.

„Ist es nicht möglich, dass jeder Stern einmal ein Mensch war? Die Wissenschaftler entdecken jeden Tag neue Sterne und jeden Tag kommen mehr Kinder zur Welt. Vielleicht leben die da oben noch…Mutter, Vater, Schwester Bernhardina, der lächelnde Bischof, meine Freundin Hildegard. Na ja, wer weiß? Aber es war immer schon, und bleibt noch, meine Hoffnung und mein Glaube dass wir uns alle wiedersehen werden.“

 

 

Copyright. NickTimmons2014.

 

 

Sister Franziska and friends outside the Cafe Emma T.  Photo Katja Harbi.

Sister Franziska and friends outside the Cafe Emma T.     Photo Katja Harbi.

Sister Franziska is now eighty two. She has bone cancer. Her hips and spine have, as she says, gone. The cancer cannot be cured. This autumn she will move back to Münster to spend the last part of her life with her Sisters. Her Order, the Sisters of Divine Providence, apologized some years ago now for excluding her from the Community.

In July of this year she celebrated the fiftieth anniversary of her living in the east of Germany. During her years in Berlin Weissensee there were, of course, many challenges.

As she first walked into the kitchen in St Joseph’s Hospital she saw immediately.

“The kitchen was a catastrophe.”

There was a cook. But the Sister was ill and was over eighty. Some of the patients found themselves responsible for the kitchen. And, of course, mentally ill patients, did not find it easy to prepare food for more than three hundred other patients.

Sister Franziska can still remember very clearly.

“Everything was just thrown together in one big pot. Potatoes, vegetables and meat. And everything boiled until it was soft.”

All the same, in a few short months, with the help of the patients, Sister Franziska had the kitchen running smoothly. The agreement was that she would be the kitchen manager and would go back to Räckelwitz to the Order´s House only once a week at the weekend.

After a year her contract was renewed for another year, and then another and eventually she worked there for over twenty years. Over time she managed directly more than thirty staff, providing meals not only for the hospital but also for three care homes in the area.

And generally they were happy years. Cooking was, after all, a thread that ran through her whole life back to her mother´s kitchen in the village. She also trained many young people to become cooks and, as she proudly says,

“None of my students failed. Of course, some were better than others but then you just needed to give them more time, explain things more slowly…”

On the other hand, her status as a, more or less, independent Sister didn´t please everyone. The Reverend Mother of a different Order, who also had contact with St Josephs, took it upon herself to come into Franziska´s kitchen to give her ´guidance´. Sister Franziska spoke to her smiling Bishop and it was made clear to the Reverend Mother that St Josef´s kitchen was out of bounds.

The years after the fall of the Wall were also difficult. In the old communist East Germany the hospital grounds had been used to keep sheep and cows and fruit and vegetables were grown. All these were eventually used in the hospital kitchen. But in the new unified Germany this was regarded as too expensive and patients were also now no longer allowed to work in the gardens or in the kitchen. At the same time the amount of money Sister Franziska was given to provide meals did not increase very much. In the end it would come to a confrontation.

In the DDR the doctors and nurses who worked in the hospitals run by religious orders received lower wages than those in state run hospitals. For that reason they had their meals at St Josephs for free. After the Wall came down their wages, of course, went up. But they didn´t want to give up their free meals. But Sister Franziska wasn´t getting any additional money to feed them. She attended a management meeting and made clear that from now on only the patients could receive their meals for free.

However it soon became obvious that the doctors and nurses did not believe she really meant it. They continued to come and take meals without money to pay for them. So Sister Franziska simply closed the kitchen. After that they listened to the little Sister a little more closely.

Then there was the Priest who decided to ´protect´ her from a friend she had made in Berlin, who happened to be a Protestant Minister. He, and the Order, went so far as to send an official letter insisting that she should not have any more contact with her friend. Once again she had to really consider if it was right that she should submit to the discipline of being a Nun.

But when she met with the Bishop, he again showed his understanding for her and said.

“You´re a good sister. Don´t take it all too seriously. Just carry on as you are.”

In the end she came to the conclusion that, yes, people make mistakes, but that fundamentally the Order itself was a good thing. Sister Franziska had always tried to give of herself to others but she also tried, as a Sister, to bring another meaning to her actions.

So, for example, one morning, she was preparing breakfast with a young Sister in the kitchen at St Josephs, trying to teach her to cook. But the young Sister was frustrated and impatient. She wanted to pray and sing God´s praises.

“Wouldn´t it be better, Sister Franziska, if we just stayed in the silence of our House and only spoke to announce our love of Jesus? Couldn´t anyone do what we are doing here?”

Sister Franziska looked around the kitchen. They were alone. Then she looked through the kitchen hatch into the dining hall. There were five or six patients there. A man, who had grown old in St Josephs, was already waiting by the hatch. A young woman, not older than the young Sister, was sitting at a table on her own. Her eyes were empty. A young man strode restlessly back and forth. He was muttering continuously to himself. She called the young Sister over to her.

“Sister, is Jesus here?”

She replied.

“Jesus is everywhere.”

“Yes, that´s true. And what would Jesus want for our patients.”

The sister looked at them. She felt a little unsure of herself now. Sister Franziska went on.

“I don´t mean it as a trick question. What would He want for these people? “

“That they should be healed.”

“A good answer. And how would He do that?”

“By bringing them peace and quiet and…” she hesitated a moment. “…and that they get good food to eat.”

Sister Franziska turned to face the Sister, took her hands and said quietly but emphatically.

“Yes, that´s right. And in this kitchen Jesus has no other hands than these. No other arms, no other legs, eyes or ears as ours. We try to be the face of God´s Providence. That is our duty and our joy.”

There was a moment of silence. Then Sister Franziska reached for a large pot and handed it to the Sister.

“And now, scrambled egg for fifty.”

She retired from St Josephs when she was sixty nine in 2001.

With the doctors in the hospital in Berlin Sister Franziska has come to a good understanding. Or perhaps better to say they have come to understand Sister Franziska. When she refused more chemotherapy and told the doctors there were other patients they could give more help to, they then asked her if maybe she could do something that would maybe be helpful for others. They had some medication that was not yet fully researched. If she was to take it it wouldn’t harm her, it might indeed help her and then they would better know how to help others. So at eighty two she has become, as she says, a guinea pig. She´s heard from the doctors too recently that partly through her help they have made progress in refining and improving the new treatments.

In the little winter garden in her fifth floor flat in Weissensee Sister Franziska looks out at the early evening sky and wonders what happens after we die. It is late summer. Her time in Berlin is coming slowly to an end. Its growing dark outside, but as the darkness grows each moment a new star appears somewhere in the sky. Sister Franziska asks herself.

“Is it not possible that every star was once a person? The scientists discover new stars every day and babies come into the world every day. Perhaps they are all still living up there…Mother, Father, Sister Bernhardina, the smiling Bishop, Hildegard….who knows? But it has always been, and still is, my hope and my belief that we will all see each other again.”

 

Copyright. NickTimmons2014.

 

 

 

Zwei Kochschuüerinnen von Schwester  Franziska

Zwei Kochschulerinnen von Schwester Franziska

Es war 1977. Ich war jetzt fünfundvierzig.

Es war, für mich und viele andere, noch die Zeit der Hoffnung, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als Papst Johannes, der dreiundzwanzigste, die Fenster des Vatikans öffnen und das Licht des neuen Denkens in die Kirche strahlen lassen wollte.

Das galt auch für die Orden. Jedoch fortschrittliche Änderungen kamen, wenn überhaupt, sehr langsam unter den Bischöfen, in den Orden, und bei uns, den Schwestern der Göttlichen Vorsehung auch.

Vielleicht weil ich Respekt, aber keine Angst vor Autorität hatte, war ich unter den jüngeren Schwestern beliebt. Ich hatte immer geglaubt, dass man für den Glauben auch manchmal kämpfen muss.

Oft kamen einige der jüngeren Schwestern zu mir, von der Verhaltensweise einiger der älteren Schwestern beunruhigt.

„Schwester Maria schlug einen Patient auf den Po.“

„Schwester Teresa ließ einen Anderen eine Stunde auf der Toilette sitzen.“

In der Gemeinde wurde über vieles gesprochen. Ich sah keinen Grund, über diese Vorfälle nicht zu sprechen.

„Wenn wir die Liebe Gottes verkündigen wollen, dann geht das einfach nicht.“

Die älteren Schwestern mussten ihre Worte hinnehmen. Sie blieben schweigsam und warteten.

Eines Tages kam eine jüngere Lehrlingsköchin, namens Anna, zu mir. Sie wirkte verzweifelt.

„Schwester, ich bin schwanger.“

Wer schwanger war, hatte gesündigt und musste das Anwesen sofort verlassen

„Ich will den Mann nicht heiraten aber ich will das Kind. Ich muss kündigen. Aber wohin soll ich gehen?“

Ich kannte die junge Frau gut und wusste, sie hatte keine Familie die für sie und das Kind sorgen würde.

„Du schweigst erstmal. Mache nichts. Bleib hier.“

Anna stimmte zu und blieb. Nach einigen Wochen begleitete ich die junge Frau zur Poliklinik. Alle Abteilungen waren im gleichen Haus und das Wartezimmer wurde auch von allen Abteilungen geteilt. Dann wurde ausgerufen.

„Anna Schirner zum Frauenarzt.“

Als wir aufgestanden waren, guckte eine andere Schwester, die zufällig zum Zahnarzt musste und auch im Wartezimmer wartete, auf. In ihrem Gesicht sah ich zunächst Überraschung, dann Verwirrung und dann Verstehen.

Jeder wusste, Besuch bei Frauenarzt konnte nur Schwangerschaftsberatung bedeuten.

Als wir zurück ins Kloster kamen, wurde Anna sofort vor die Oberin gerufen. Schwester Bernhardina, die Oberin, mit der ich mich gut verstanden hatte, war vor einigen Jahren schon in Rente gegangen. Die neue Oberin war empört, trotzdem konnte die Lehrköchin jetzt nicht mehr aus dem Haus gezwungen werden. Sie war schon im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft.

Andererseits war es durchaus möglich, entschied sich die Oberin, mich zu entlassen. Ich muss exklausiert werden. Ich musste aus dem Orden und aus dem Kloster. Ich war erschrocken und tief erschüttert.

Wenn die Vorgesetzte des Ordens in Münster ihre Zustimmung gab, dann müsste ich mich fragen wohin ich gehen sollte?

In der Kapelle im Kloster in Münster fühlte sich die Vorgesetzter des Ordens, nicht zum ersten Mal in den letzten beunruhigenden Jahren, einsam und allein. Es war nicht so, dass die Vorgesetzte überhaupt kein Verständnis für Schwester Franziskas Vorgehen finden konnte, sondern eher dass sie meinte, sie war von Anfang an in der DDR rebellisch gewesen.

Außerdem hatte sich der Orden noch nicht völlig von der Geschichte mit der Brasilianischen Schwester erholt. Die Vorgesetzte schauderte vor Erschrecken, als sie an die Oberin dachte, die, ihren Kopf voll mit Befreiungstheologie, von Brasilien nach Deutschland gezogen war und ein neues unabhängiges Haus mit nicht weniger als sechzig ihrer Mitschwestern gegründet hatte.

Die Vorgesetze hatte Angst, dass diese kleine Schwester in Räckelwitz auch alles über den Haufen werfen würde. Sie musste weg.

Aber wohin?

Die Schwester hatte keine Familie oder Verwandte in der DDR. Außerdem war sie sehr bekannt und respektiert unter den jungen Schwestern in allen Häusern in Ostdeutschland. Viel besser, wenn sie zurück nach Westdeutschland kehren könnte, aber wie? Man kam nicht leicht über die Mauer hinweg. Ihre Entscheidung musste über den Bischof laufen, und letztendlich müsste noch auch Rom zustimmen.

Viel besser, wenn sie sagen könnte, dass der Fall definitiv erledigt war und die Schwester zurück bei ihrer Familie wäre.

Dann fiel der Vorgesetzten etwas ein.

Einige Woche später setzte ich mich vor den Bischof, die Oberin und die Vorgesetzte. Als der Bischof zu sprechen anfing, wurde sein Körper von einem Hustenanfall erfasst. Die Oberin holte ihm ein Glas Wasser und die Vorgesetzte drehte sich zu mir.

„Schwester Franziska, dass dein Leben als Schwester in unserem Orden vorbei ist, müssen wir nicht mehr besprechen.“

Natürlich wollte ich sofort die Vorgesetzte unterbrechen, aber die hob ihre Hand um auf meine Stille zu beharren.

„Wir sind alle der Meinung dass es viel besser wäre, wenn du zurück nach Westdeutschland gehen und wieder bei deiner Familie wohnen würdest. Die würde am besten wissen, wie man dir helfen kann.“

Sofort erkannte ich, ich muss mich nicht mundtot machen lassen.

„Nein, ich akzeptiere das nicht. Ich weiß dass ich das Recht auf einen Appell an Rom habe. Und das will ich wahrnehmen.“

Der Bischof war empört. Er fand es schwer zu verstehen dass eine Schwester eine andere Meinung als ihre Vorgesetzte haben könnte.

„Sie sollte sofort in einen Fabrik geschickt werden, wo Sie, zum ersten Mal in Leben, richtig arbeiten müsste und dann würde sie verstehen wie hart Leben sein kann!“

Der Bischof, hustend, kollabierte fast. Die Oberin führte ihn weg und ich war mit der Vorgesetzten allein.

„Wir haben viel gebetet und darüber nachgedacht, wie du zurückkehren kannst. Wir haben einen Plan, wenn du nicht zustimmst, dann setzen wir dich einfach vor die Tür. Du musst dich an unser Haus für geistige Kranke in Berlin Weissensee, St Josefs, wenden und dann werden wir sofort einen Antrag an die Staatliche Verwaltung stellen, damit du so schnell wie möglich nach Westdeutschland fahren darfst. Geistig Kranke werden nur als belastend für diesen Staat betrachtet.“

Sie hatte mich erstaunt, aber tat so als ob sie nichts Überraschendes gesagt hatte, und da ich nicht reagierte, fügte sie hinzu.

„Als Patientin melden, meine ich natürlich.”

Ohne ein weiteres Wort, stand sie auf, verließ den Raum und ließ mich geschockte allein.

Die nächsten Wochen waren sehr hart. Ich hatte der Vorgesetzten nicht meine Zustimmung gegeben, aber ich hatte auch nicht nein gesagt. Ich war verletzt und verwirrt. Dachten die wirklich dass ich irrsinnig war? War ich? Sicher war ich völlig durcheinander.

Aber wenn ich zustimmte, würde ich vielleicht nie mehr aus dem Krankenhaus rauskommen. Ich wäre nicht mehr mündig.

Oder war das wirklich nur als kleine Täuschung gedacht, damit ich nach Hause kommen konnte?

In der Zwischenzeit nahm ich an, dass die Oberin und Vorgesetzte Vorbereitungen für meinen Umzug nach Berlin treffen würden. Jeden Tag wartete ich, nervös und verkrampft, auf jemanden der kommen und Bescheid geben würde, dass ich heute nach Berlin fahren müsste.

Dann eines Morgens, als ich im Garten herum spazierte, kam eine der jungen Schwestern zu mir. Ich war überrascht, dass ich noch ein bisschen traurig war; hätte die Oberin selbst nicht kommen können? Ich wusste noch nicht was ich sagen würde.

Schwester Franziska, die wollen dich so schnell wie möglich fortschicken, aber geh nicht. Der Bischof geht weg. Es wird ein neuer Bischof kommen.“

Es dauerte einige Momente, bevor ich ihre Worte fassen konnte. Ein neuer Bischof. Wurde mir auf einmal sehr klar. Ich würde ablehnen, nein sagen, und auf Zeit spielen, bis ich einen neuen Antrag an den neuen Bischof stellen konnte.

Zwei Monate später saß ich wieder vor der Oberin, der Vorgesetzten und vor dem neuen Bischof. Der Bischof hörte zu und sagte wenig. Was er sagen würde, wusste ich nicht. Aber er hatte mir die Gelegenheit gegeben, meine Ansicht ausführlich zu erklären.

Hatte er mich angelächelt, als ich reinkam?

Die Oberin und die Vorgesetzte saßen schweigsam und guckten auf ihre Hände in ihrem Schoß. Der Bischof fing an zu sprechen.

„Ich glaube wir sind einer Meinung, dass wir dem Willen Gottes gehorchen, wenn wir diese unglückliche Zeit des Streits zu Ende bringen.

Wir glauben aber, deine Zukunft liegt nicht hier bei uns.“

Meine Funke Hoffnung erlosch.

„Du muss nach St Josefs in Berlin Weißensee.“

Ich wurde jetzt schwer ums Herz. Sie wollten mich doch wieder unter die geistig Kranken stecken.

„St Josefs braucht dringend eine Köchin und jemand der Andere ausbilden kann. Wir brauchen auch hier in unserer Gemeinde einen neuen Anfang. Um diesen neuen Anfang, Schwester Franziska, muss du dir keine Sorgen machen.“

Gab er mir Genugtuung? Gab er mir Recht? Ich hätte erst später Zeit darüber nachzudenken. Jetzt ahnte ich, dass ich eine Entscheidung treffen musste.

Der Bischof führ fort.

„Wenn du zustimmst, es gibt für dich ein neues Leben, als zivile Person, sozusagen, außerhalb des Ordenshauses, aber natürlich noch als Schwester des Ordens in Berlin.

Stimmst du zu? “

Und ja, ich habe zugestimmt.

Two of Sister Franziska´s many students.

Two of Sister Franziska´s many cookery students.

It was 1977 and I was then forty five.

It was for me and many others still that time of hope after the Second Vatican Council when Pope John the 23rd had wanted to throw open the windows of the Church and let the light of new thinking flood in.

That was also meant to apply to the religious orders. But change, if it came at all, came only very slowly from the Bishops and in the Orders and amongst us in the Sisters of Divine Providence too.

Maybe because I had respect for the Mother Superior but was not afraid of her and the older sisters I was popular among the younger sisters. I had, after all, always believed that one must be sometimes prepared to fight for one´s faith.

Often one of the younger Sisters would come to me, disturbed by the behaviour of one or other of the older Sisters.

“Sister Maria hit one of the patients.”

“Sister Teresa left one of the patients sitting on the toilet for over an hour.”

In the meetings of the community of Sisters many topics were discussed and I did not see any reason not to talk about these incidents too.

“If we want to communicate God´s love for all, then these things are not acceptable.”

The older Sisters had to listen to my views but, for the most part, they remained quiet and, perhaps, waited.

One day a young woman who I was teaching to become a cook, by the name of Anna, came to speak to me. She seemed very distressed.

“Sister, I´m pregnant. “

Whoever had become pregnant out of wedlock had of course sinned and had to leave the House immediately.

“I don´t want to marry the man but I do want the child. I have to leave. But where can I go?”

I knew Anna well and that she had no family that would care for her and the child.

“Say nothing for now. Don´t do anything. Just stay here.“

Anna agreed and we waited. Then after a few weeks I accompanied her to visit her doctor at the Medical Centre. All the departments were together in the same building and everyone shared the same waiting room. An announcement came over the Tannoy.

“Anne Schörner to Gynaecology.”

As we stood up we saw in the corner of the room one of the other Sisters look up at us. She had come to visit the dentist. In her face we could see first surprise, then confusion and finally understanding. Everyone knew that a visit to the gynaecologist most likely meant the patient was pregnant.

As we came back to the House Anna was immediately called to the Reverend Mother. Sister Bernhardina with whom I had had such a happy relationship had retired some years before. The new Reverend Mother was appalled but Anna, now being in the sixth month of her pregnancy, could not now be required to leave the House.

On the other hand it was perfectly possible to get rid of me. I must be put out of the House and out of the Order. I was shocked and deeply shaken. If the Mother Superior, the head of the Order in Münster, agreed then where would I go?

In the chapel of the Sister of Divine Providence in Münster the Mother Superior of the Order prayed for guidance. Not for the first time in these unsettling years she felt isolated, even lonely. It was not as if she did not have some sympathy for what the Sister in Räckelwitz had done, rather that she felt Sister Franziska had been rebellious from the beginning of her time in East Germany.

Moreover she was aware the Order had not yet fully recovered from the arrival from Brazil in Germany of a Sister who, her head full of Liberation theology, had set up an independent convent with no less than sixty of the Order´s sisters. She was afraid the little sister on the far side of the Wall could do something similar. She had to be got away from the Order. But how?

Sister Franziska was well known and respected amongst the younger sisters in all the Houses in the East. It would be much easier if she could somehow be brought back to West Germany. Indeed she didn´t have any family or relatives in the DDR. But she was now a DDR citizen and it wasn´t easy to get back over the Wall. The Bishop must accept her decision, and Rome perhaps too, if the Sister made an appeal. It would be so much better if she could tell the Bishop the case was more or less resolved and that the Sister would soon be on her way home to her family.

Then the Mother Superior had an idea.

Several weeks later I found myself sitting before the Bishop, the Reverend Mother and the Mother Superior. They were now to pass judgement on my case. As the Bishop began to speak his body was wracked by a coughing fit. The Reverend Mother fetched him a glass of water and the Mother Superior turned to me.

“Sister Franziska, we all know that your life as a Sister in our Order is over and we don´t need to discuss that any further.”

I wanted of course to immediately interrupt but the Mother Superior raised her hand to insist on my silence.

“We are all of the opinion that the best solution would be for you to return to West Germany and to your family who will best know how to help you.”

I knew I had to speak now before it was too late.

“No, I don´t accept that…”

The Bishop was appalled. He simply could not understand how a Sister could be of a different opinion from her Mother Superior.

“She should be sent immediately to a factory where, for the first time in her life, she might really have to work. Then she´d know how hard life can be and how much the Order has done for her!”

After this outburst the Bishop started to cough again and this time so badly that the Reverend Mother had to take him away. Now I was alone with the Mother Superior.

“We have prayed and reflected a great deal on the best way to bring you home to your family. We have finally made a plan how this can be done, if you don´t agree then we will simply ask you to leave the House.” She paused a moment, then.

“We want you to go to our home for the mentally ill, St Josef´s in Weissensee in Berlin. When you are then we will then immediately put an application to the government to request you be sent back to your family in Münster. The mentally ill are simply seen as a burden in the East, they´ll let you go.”

I was astonished and too shocked to speak. The Mother Superior, unsure perhaps if I had really grasped her meaning, then added.

“Report to St Josef´s as a patient I mean, Sister.”

Then, as if she had not said anything in any way surprising, she stood up and left the room.

The next weeks were very hard. I hadn´t given the Mother Superior my consent but I had also not said no. I was hurt and confused. Did they really think that I was mad? Was I mad? It was hard to hold on to, hard even to find, a sense of what was real. Perhaps I should agree. Perhaps it was all well-meant. It was only a simple deception that would bring me home. But as a patient I would also then be no longer legally responsible for myself. Perhaps I might never get out of the hospital.

In the meantime I assumed that the Reverend Mother and Mother Superior were making arrangements for my being transferred to St Josefs. Every day I waited anxiously for someone to come who would tell me that today was the day that I must go to Berlin or leave the House.

One morning as I walked in the garden one of the younger Sisters approached me looking nervous. I was surprised to find that I was, despite all that had happened disappointed. Could the Reverend Mother herself not have come? I still did not know what I would say.

“Sister Franziska, they want to send you away as quickly as possible but don´t agree. The Bishop is ill and has to retire. There´ll soon be a new bishop.”

It was a few moments before I could grasp the implications of what she had said. A new Bishop. Then it was suddenly very clear to me. I would refuse to go, play for time, and insist on an appeal to the new Bishop.

Two months later I sat again before the Reverend Mother, the Mother Superior and the new Bishop. The new Bishop was a gray-haired, quiet older man, who listened and smiled a good deal, but said little. I had no idea what he would say but he had given me the opportunity to explain in detail what had happened from my point of view.

Had he smiled at me as I came in and sat down?

The Reverend Mother and the Mother Superior sat in silence, their hands folded on their laps and their gaze lowered. The Bishop began to speak.

“I believe, Sister Franziska that we are all certainly in agreement that we will be doing God´s will when we bring this unhappy situation to an end. But I do not believe that your future lies here. I believe St Josef´s in Berlin should still be your new home.”

My small flicker of hope had been quickly extinguished. So they still wanted to hide me, after all, amongst the mentally ill. Watching me closely though the Bishop seemed anxious to keep my attention.

“St Josefs desperately needs a cook and someone who can also train others to become cooks. We also need here in Räckelwitz a new start. And there will be a new start here too, Sister Franziska, I assure you.”

Was he recognizing the wrong done to me? Did he mean I had been right? Only later would I have time to think about his words. He was now giving me a new decision to make. He went on.

“If you wish, there is a new life for you, not in a religious house, but still as a Sister and as a member of your Order. In Berlin, Weissensee.”

He paused and smiled at me.

“So do you agree?”

“Yes, I agree.”

Footnote. Partially due to Sister Franziska´s courage, the policy of the Sister of Divine Providence is now to keep any community member who becomes pregnant as a part of the community, providing accommodation and support as needed.

 

Sister Franziska with friends. Fasching celebration in the DDR

Schwester  Franziska, ex rechts, mit Freundinnen. Fasching in der  DDR Ende 1960s.

Es ist der 24 Juni 1964. Schwester Franziska ist zweiunddreißig. Sie steht in der Schlange vor der Grenze der DDR. Es ist der heißeste Tag des Jahres. Schwester Franziska hat Angst vor der Grenze, aber noch mehr, dass sie bald in Ohnmacht fallen wird.

Was man von Westdeutschland in die DDR mitnehmen konnte, war streng kontrolliert und limitiert, deshalb trug Franziska zwei Ordenskleider übereinander. Aber das waren nicht alles; doppelte Unterwäsche, doppelte Blusen, doppelte Mäntel…

„Ich werde sterben“, flüstert sie sich selbst zu.

Sie versucht sich abzulenken von ihrer Angst und der Hitze. Wenn sie endlich auf der anderen Seite der Grenze ankommt, wird sie endlich ihren Traum erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt wird sie Missionarin werden.

Als sie sich von Gott berufen fühlte, Ordensschwester zu werden, wusste sie schon, dass zwei von Vatis Schwestern, Ordensschwestern bei den Franziskanern waren. Aber in jenem Orden kümmerten sich die Schwestern um Kranke und andere Pflegefälle. Frances wollte sich einem Orden anschließen, wo man Missionar werden konnte. Sie wollte nach Afrika. Daher hatte sie sich für die Schwestern der Göttlichen Vorsehung entschieden.

Endlich ist sie dran. Der junge Polizist sieht ihre Papiere ein und als er merkt wie rot die Schwester im Gesicht ist, betrachtet er sie ein bisschen näher, kann aber nichts sehen, dass ihm unrechtmäßig erscheint. Offenbar widerwillig und misstrauisch winkt er sie durch.

Die Mauer hinter sich, zieht Franziska sofort einige ihrer Kleidungstücke aus und setzt sich eine halbe Stunde später erleichtert in den Zug nach Bautzen.

Der Orden war damit einverstanden gewesen, sie in Afrika zu stationieren, aber bei der medizinischen Untersuchung zeigte sich, dass ihre Knie, ihr Meniskus, in keinem guten Zustand war. Als junge Frau hatte sie viel Handball gespielt, offenbar zu viel. Nur eine Schwester die in jeder Hinsicht gesund war, konnte nach Afrika fahren.

Dann im Jahr darauf wurde die DDR als Missionarsgebiet bekanntgegeben. Die Oberin fragte Franziska ob sie dahinwollte.

Natürlich konnte man aus der DDR nur schwer wieder zurückkehren und der Orden benötigte die Erlaubnis ihrer Mutter, die diese ungern geben wollte. Mutter hatte große Angst vor den Russen.

„Lieber Afrika als die Russen, Sissy“ sagte sie.

Gefragt warum, erzählte sie eine Geschichte die sie nie zuvor erwähnt hatte. Als sie mit Sissy schwanger war, bekam sie Besuch von einer Zigeunerin. In der Nachkriegszeit gab es viele Zigeuner in Nordrheinwestfalen. Die Zigeunerin sagte, dass sie ein Kind bekommen würde, welches sehr, sehr weit in den Osten, in ein Land regiert von Eis und Schnee reisen würde. Das machte ihr furchtbare Angst, weil die Westfalen tief gläubig, aber auch recht abergläubisch waren.

Am Ende hatte sie, mit den Worten, zugestimmt:

„Wenn du aber nach Sibirien musst, dann komme ich auch mit.“

Der Zug kam endlich in Bautzen, einem Sorbischen Gebiet, an. Der Bahnhof war sehr klein und offenbar vernachlässigt und verlassen. Franziska setzte sich auf einen Bank und wartete.

Sie hatte schon ein bisschen über die Sorben gelesen. Die waren sehr christlich und von der Regierung drangsaliert. Obwohl es immer behauptet wurde, dass die DDR den christlichen Glauben akzeptierte, war es in der Tat nicht so. Evangelisieren wurde verboten. Nur durch eigenes Verhalten konnte man Andere überzeugen, Christ zu werden. Im Prinzip wurde die Taufe nicht verboten, aber wer sich taufen ließ, musste raus aus der Partei. Es gab manchmal geheime Taufen, aber trotzdem fiel die Anzahl der Christen in der DDR über die Jahre deutlich zurück.

Wahrscheinlich, sagte sie sich, half die strenge Einstellung der Katholischen Kirche nicht. Wenn Eltern aus der Kirche ausgetreten waren, aus welchem Grund auch immer, dann war das Taufen der Kinder nicht mehr möglich. Die Evangelische Kirche war nicht so streng.

Von weit entfernt erkannte Franziska die Silhouette einer Schwester. Sie lief langsam unter den Kastanienbäumen, die staubige, sonnige Straße entlang. Sie würden zusammen in das Ordenshaus in Räckelwitz gehen.

Aus dem Westen kommend, wo der Aufbau schon weiter war, empfand Franziska die DDR als hinterrücks. Die Menschen trugen nur dunkle Kleidung in der Küche. Auf Hygiene wurde überhaupt nicht geachtet. Es gab nur einen Kohlenherd, der schon fünfzig Jahre alt war, eine selbst betriebene Dampfheizung und Dampfkessel und als sie die Küche herumlief, zischte es hier und zischte es da.

Die Holzbretter, die täglich hundertmal benutzt wurden, mussten ausgekocht werden, aber waren so schlecht geleimt, dass danach in ihren Händen auseinander fielen.

Sie beharrte also auf große Änderungen in der Küche, die die zwölf DDR Schwestern beunruhigten.

„Ich wollte alles so radikal ändern dass sie mich bald nicht mehr haben wollten“.

Franziska entschied auch, dass es besser wäre, wenn sie ihre neuen Schuhe und die Kleidung aus dem Westen nicht trug, damit die Schwestern nicht neidisch wurden.

Trotzdem hatte sie ein tiefes Verständnis für die Schwestern. Diese hatten die Gemeinde 1936 gegründet und aufgebaut. Sie hatten die Entbehrungen der Hitlerzeit erlebt, als das Kloster im Krieg zwangsweise in ein Lazarett umfunktioniert wurde. Als dann die Russen kamen, bedeutete das zusätzlichen Ärger. Weil die Schwestern sich um deutsche Soldaten gekümmert hatten, wurden sie von den Russen beschossen. Die Schwestern und die Frauen des Dorfes, hatten große Angst vor Vergewaltigung. Sie verbrachten viele Nächte versteckt im Keller. Am Ende war eine der sorbischen Dorffrauen, die Russisch sprach, zu den russischen Kommandos gegangen. Mutig sagte sie.

„Gute Männer benehmen sich nicht so.“

Danach wurde die Situation langsam besser. Um das Ordenshaus und Dorf weiter zu beschützen, stellten die Frauen am Rande des Dorfes große Schilder mit Todesköpfen und der Warnung „Seuche“ auf.

Dann kam die DDR und das Haus wurde wieder aufgebaut, und die Schwestern, weil sie so hart gearbeitet hatten, wurden respektiert und unterstützt. Trotzdem, unter dieser Gruppe Frauen fühlte Franziska sich als ein Außenseiter, einsam.

Wenn sie abends in der Kapelle betete, fragte sie sich, ob sie es hier aushalten würde, und sie dachte an ihre ersten schweren Jahre als Ordensschwester. Im September 1956 war sie dem Orden in Münster beigetreten. Frances war zu dieser Zeit vierundzwanzig. Sie schwor drei Gelübde; Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Sie lächelt, als sie sich an ihren ersten Schrecken erinnert. Man musste im Ordnen die Unterwäsche mit Allen teilen, und sie kam nur in Größe eins, zwei und drei. Ihre Eigene durfte sie nicht behalten.

Als Novizin musste Frances auch geistliche Übungen absolvieren. Zu diesem Zweck gab es verschiedene Bücher unterschiedlichen Niveaus. Frances wollte ein Buch mit dem Titel, ‘Liebe bis zum Fuß des Kreuzes’ studieren. Aber die Novizen Meisterin sah das als zu anspruchsvoll für sie an und stufte sie auf ein niedrigeres Niveau hinunter.

Auf einer Seite konnte sie das gut verstehen. Wegen des Krieges musste Sissy die Schule schon mit dreizehn verlassen. Sie hatte nie die Möglichkeit gehabt, die Bibel zu lesen. Sie kannte die Geschichte, Adam und Eva, die Sintflut, und so weiter bloß aus Erzählungen ihrer Eltern. Auf der anderen Seite wusste sie, dass sie, und insbesondere ihr Gehorsam, auf diesen Art und Weise, getestet wurden.

Dann hatte sie es noch viel schlimmer im Waisenhaus gefunden, wo die Schwestern die Waisen oft körperlich bestraft oder psychologisch streng behandelt hatten, beispielsweise sie ohne Essen ins Bett geschickt hatten. Zum Glück musste sie nur ab und zu Aushilfe dorthin, da sie normalerweise in der Küche arbeitete.

Dennoch hatte sie jene Zeit als Ordensschwester im Westen überstanden und sie würde es auch jetzt in der DDR schaffen.

Schwester Franziska. Fasching in der DDR.

Schwester Franziska. Fasching in der DDR.

Eines Morgens kam die Oberin, Schwester Bernhardina, zu ihr und fragte.

„Schwester Franziska, hast du einen Führerschein?“

Franziska hatte keinen Führerschein aber sie wollte gern Fahrstunden nehmen. Für einige Tage war sie glücklich und voller Hoffnung. Sie wusste dass die Oberin oft unterwegs war und dafür eine Fahrerin und Begleiterin brauchte.

Dann kam eine der älteren Schwestern zu ihr und sagte.

„Viel Glück bei der Fahrprüfung. Die mache ich auch. Wenn wir beide bestanden haben, wirst du meine Stellvertreterin sein. Ich glaube, du wirst nicht oft weg von deiner Küche sein müssen.“

Franziska war überrascht und enttäuscht.

Der Tag der Prüfungen war kalt und regnerisch. Franziska und die ältere Schwester warteten zusammen auf die Fahrprüfung. Franziska merkte wie die Hände der Schwester vor Angst zitterten als sie ins Auto stieg. Die Schwester fiel durch.

Jetzt sah Franziska ihre Chance. Sie muss sich konzentrieren aber auch locker bleiben. Der Regen machte die Prüfung nicht leichter. Eine ganze Stunde dauerte sie.

„Es freut mich sehr Schwester, ihnen zu sagen…Sie haben die Prüfung bestanden.“

Eigentlich sollte eine Schwester nicht vor Freude schreien. Dennoch konnte sie einen Freudenschrei nicht zurückhalten.

Doch dann kam eine böse Überraschung.

„Herzlichen Glückwünsch, Schwester. Zunächst brauche ich Ihren Ausweis“.

Franziska reichte ihn ihm.

„Der ist aus dem Westen. Haben Sie keine DDR Staatsangehörigkeit?“

„Die habe ich nicht.“

„Das tut mir Leid. Ohne die können wir ihnen keinen Führerschein ausstellen.“

Franziska konnte erst nach drei Monaten und nach vielen verschiedenen Prüfungen ihre Staatsangehörigkeit bekommen. Genug Zeit für die andere Schwester ihre Prüfung zu bestehen, und bei ihrem zweiten Versuch schaffte sie das. Jedoch, bei der ersten Fahrt mit der Oberin durchfuhr sie eine rote Ampel und dann ein Stoppzeichen. Zufällig war die Polizei in der Nähe und die Schwester bekam zwei Strafmandate. Es wurde als Gottes Führung angesehen, dass die Oberin dann auf Franziska zu vertrauen beschloss. Oft zusammen unterwegs, verstanden sie sich gut.

Weil einige Mitschwestern es nicht gern sahen, wenn Schwester Franziska die Oberin nach Magdeburg, nach Dresden, nach Görlitz und sehr oft nach Berlin fuhr, dankte Franziska dem lieben Gott für ihren eigenwilligen Charakter. Die Missbilligung dieser Schwestern konnte sie gut aushalten.

Obwohl sie es noch nicht wusste, würde diese Missbilligung der Schwestern bald zum schwersten Erlebnis ihres Lebens führen.

 

 

Sister Franziska with friends. Fasching celebration in the DDR

Sister Franziska, ex right. at a Fasching Party in the DDR in the late 1960s.

 

It’s the 24 June, 1964. Sister Franziska is now thirty two. She is waiting in a queue to cross the border into the DDR. It’s the hottest day of the year. She´s a little afraid of the border, but much more she´s afraid that she will faint before she gets there.

What anyone was allowed to take from West Germany into the old East was strictly controlled and limited. For that reason Sister Franziska and the other Sisters in Münster had thought it would be a good idea today as she set for her new life on the far side of the Wall, for her to wear one nun´s habit over another, and also two blouses, two underskirts, two coats….

“I´m going to die…” she whispered to herself as the queue shuffled forwards.

She tried to distract herself from the heat. When she got to the other side of the Border, she would finally have realised a dream. She would be a missionary.

As she had felt herself called by God to become a Sister, she was, of course, already aware that two of her father´s sisters were Nuns in the Franciscan order. But the Franciscans dedicated themselves to the care of the sick, and others who needed care. Frances wanted to join an Order where she could become a missionary. She wanted to go to Africa. So she had chosen to join the Sisters of Divine Providence.

Finally its her turn to cross the border. The young policeman examines her papers, only then does he notice how red in the face she is. He looks at her closely but then, apparently reluctantly, he waves her through.

With the Wall now literally behind her, Franziska wastes no time in taking off some of her clothes. A half hour later, she is sitting relaxed and relieved on the train to Bautzen.

The Order had originally agreed to send her to Africa. But when she underwent a medical examination it was found that her knee, her Meniskus, was damaged. As a young woman, she had played a lot of handball, perhaps too much. Only completely healthy and fit Sisters could be sent to Africa.

Then a year later the DDR was declared by the church to be a missionary area. The Mother Superior asked Schwester Franziska if she wished to be part of the mission there.

Of course, this was not an easy decision. Once she was living in the DDR it would be very difficult, if not impossible, to come back again. The Order also wanted to have the agreement of Wilhemina, Schwester Franziska´s mother

And Wilhemina was very afraid of the Russians. She said,

“Better Africa than the Russians, Sissy.”

She seemed so upset that Franziska pressed her as to why. Then she told a story that Sister Franziska had never heard before. When she was pregnant with her a gypsy woman knocked at her door. In the years before the war there were many gypsies in North Rhine Westphalia. The gypsy told her that she would have a child who would travel far, far to the east to a land of ice and snow. Wilhemina felt afraid, like many others in the countryside she had a strong Christian faith, but she was also very superstitious. She felt afraid then, but put it out of her mind, but now all her fears returned as Frances told her her plans. In the end, though, she gave her permission, saying.

“And Sissy if in the end you are sent to Siberia, then I´m coming too!”

The train finally rattled to a stop in Räckelwitz, Sister Franziska´s destination, near to Bautzen. The station was very small and it seemed abandoned. Franziska sat on a bank and waited.

She had read about this Sorbian area, the Lausitz, comprising an eastern part of the counties Brandenburg and Sachsen. Sorbians were Slavs, and Catholic, with their own language, flag and national hymn. With such a clear identity, they were treated with suspicion by the communist authorities. Although the Communist government always claimed that Christianity was accepted in reality it was not. Evangelising was forbidden, only through your conduct and not through persusasion were you allowed to encourage someone to become a Christian. In theory baptism was also not prohibited but anyone who was baptized was not allowed to be part of the SED, the communist party that controlled all aspects of the society. There were baptisms carried out in secret but overall the proportion of Christians in East Germany over these years fell very quickly.

Schwester Franziska couldn´t help also wondering if the attitude of the Catholic Church too was not very helpful. Anyone who, for whatever reason, had left the church, was not allowed to have their children baptized. The Protestant Churches were not so strict.

In the distance Sister Franziska recognised the silhouette of a Sister. She walked slowly along the sunny, dusty road, in the shade of the Chestnut trees.

Coming from the West were the post-war economic ´miracle´ was already well underway Franziska found the DDR backward. The cooks wore dark clothing in the kitchen. They didn´t seem really to think about hygiene too much. The chopping boards, used a hundred times a day in a busy kitchen, she ordered immediately to be boiled clean. But when she retrieved them from the hot water, they simply felt apart in her hands. In the Cloister kitchen there was only one oven, heated with coal, and it was already over fifty years old. The heating too came from steam, and as she walked about the kitchen pipes on the wall or above her head would unexpectedly hiss as she passed. She insisted on a revolution in the kitchen which did not please her twelve East German sisters.

“I wanted to change everything so much that quickly they wished I´d never come.”

Franziska also knew perhaps it was better when she didn´t wear her new clothes and shoes from the West.

Nevertheless she could understand the feelings of her new Sisters. The cloister had been founded only in 1936. They had then endured the hardships of the national socialist period, and then in the war they were forced to become a field hospital. Because they were caring for German soldiers when the Russians came the Sisters were shot at and spent many nights hiding in cellars with the other women in the village fearing rape. In the end one of the Sorbien women, who spoke Russian, went to the Russian commander and courageously expressed the anger of the women.

“Real men do not conduct themselves like that!”

After that things were easier but then as other army units came through the area, the women of the village put up signs on all the roads and paths into the village, marked with a skull and crossbones and the word, plague.

In the DDR the cloister was re-built and the Sisters, because they worked hard, were respected and supported. Nonetheless amongst her sisters Franziska felt herself still to be an outsider and lonely.

When she prayed at night in the chapel, she asked herself if she would come through this difficult time. She thought back on her first difficult years in the Order. She had become a Sister in September 1956 in Münster. She had been twenty four. She swore the three vows of Celibacy, Obedience and Poverty.

She smiled to herself as she thought back on her first shock at the reality of a life as a Sister. She had to share underclothes with the other sisters. You weren´t allowed to keep your own and the convent underclothes only came in sizes one, two or three.

As a novice she had also to undertake spiritual exercises. For this purpose there were spiritual exercise books set at different levels. Frances wanted to study a book called `Love up to the feet of the Cross´. The novice mistress saw this as too challenging for Frances so she was given an easier book to work with.

On the one hand she could understand this. Because of the War she had had to leave school at thirteen. And she had never really read the Bible. The stories of Adam and Eve and the Flood, she knew as they had been told to her by her parents. On the other hand she knew this was also a means of testing her, and in particular, her obedience.

In any case she was grateful not to have had her obedience tested by working alongside her Sisters in the Orphanage. There the Sisters did not hesitate to beat the children or punish them by sending them to bed without having eaten. Luckily she had only to occasionally help out, and was normally set to work in the Kitchen.

Nevertheless in the end she had successfully become a Sister in the West and she would manage here in the East too.

frances fasching

Sister Franziska in the DDR in the late 1960s.

 

Then, one morning, the Mother Superior, Bernhardina, came to her and asked her a question.

“Sister Franziska, have you got a driving licence?”

Sister Franziska said no she didn´t have one, but she would love to take lessons and learn. Sister Bernhardina agreed to her doing so. For a few days she was happy and hopeful of the future. She knew that the Mother Superior had often to be away visiting other houses of the Order and therefore needed another Sister to drive and to accompany her.

Then one of the older sisters paused one afternoon as she passed her and said.

“Good luck with your test Sister. I´m also taking it. When we both pass you´ll be my deputy. But I don´t think its likely that you´ll need to be away very often.”

Franziska was disappointed and surprised.

The day of the test came. It was cold and rainy. Franziska and the older Sister waited together at the test centre.. Franziska noticed how the Sister´s hands were shaking as she climbed into the car. She failed.

Now Franziska saw her chance. She needed to concentrate but stay relaxed. The rain didn´t make the test any easier. After an hour, it was done. The instructor turned to her.

“Well, Sister, it gives me great pleasure to tell you that you´ve successfully passed the test.”

Really a Sister should not shout for joy but Franziska couldn´t help herself. But then there came another surprise.

“Congratulations, Sister. Now I need your identity papers. “

Sister Franziska passed hers to him.

“But this is from the West. Are you not a DDR citizen? “

A silence.

“I´m sorry but without it I can´t give you a driving licence. “

Franziska could only get DDR citizenship after several stages and a couple of months. This was enough time for the older Sister to pass her test and at the third attempt she managed it. However on her first trip with Sister Bernhardina she went over a red light and then a stop sign. Coincidentally a policeman saw this and the Sister was immediately fined. It was then held to be God´s will, after all, that the Mother Superior should take Franziska with her as her driver. And, often together, they got on well.

Because some of the Sisters were not happy to see Sister Franziska so often travelling to Magdeburg, Dresden, Görlitz and often to Berlin she thanked God for the independence of mind that was so much part of her character. She would not get too concerned about the jealousy and disapproval of the Sisters.

Although she didn´t know it yet the disapproval of her Sisters would soon lead to the most difficult experience of her life.

frances and girlfriends

Frances. zweite von links, und Freundinnen.

Es ist das Ende der Fünfziger Jahre. Frances ist sechsundzwanzig.

Vielleicht sollte sie doch heiraten? Wäre das eine Lösung? Hätte sie dann eine gute Zukunft?

Das schöne rote Kleid lag auf ihrem Bett wie eine Schuldzuweisung. Frances war tief beunruhigt und verwirrt. Sie lief in ihrem Zimmer umher.

Die schwere Nachkriegszeit war vorbei. Mutter musste wieder Wäsche für andere waschen um ein bisschen Geld zu verdienen und Vaters Werkzeuge mussten alle verkauft werden, aber am Ende hatte die Familie alles überstanden.

Sie hatte jetzt schon acht Jahre Arbeit als Hotelfachfrau hinter sich. Sie hatte sich als fleißig und verlässlich in der Küche und bei der Bedienung bewiesen. Sie hatte ohnehin schon lange vor der Ausbildung bei ihrer Mutter Kochen gelernt. Ihre Chefin bezahlte sie gut und als Frances sich einmal in ein bestimmtes Kleid verguckte, kaufte sie es sofort für Frances. Das Hotel war ein Familiengeschäft, es gab einen Bruder und die Schwester, die Chefin, wollte Frances in die Familie einheiraten.

Der Bruder war zehn Jahre älter als sie, aber viel wichtiger, Frances liebte ihn nicht.

Allerdings fühlte sie sich vor eine große Entscheidung gestellt. Was wollte sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen?

Sie schämte sich nicht, Wert auf schöne Kleidung zu legen, und natürlich wusste sie, dass andere Dinge in Leben viel wichtiger waren. Sie war kein unschuldiges Mädchen mehr. So eine Demütigung hatte sie also nicht verdient.

Sie bedauerte es sehr, die Zeit nicht zurück drehen zu können. In den letzten Jahren hatte sie so viel Glück und Spaß dabei gehabt, einfach nur jung sein zu dürfen. Sie hatte eine beste Freundin, Edith. An langen Sommerabenden im Garten oder an Winterabenden vorm Feuer konnten die beiden stundenlang über Gott und die Welt und, na ja, auch über Jungs reden

frances and edith

   Frances, links, und Edith.

Katholisch erzogen wie Frances, und praktizierend auch, hatten die beiden trotzdem keine Angst vor heiklen Themen. Sie wollten weltoffen sein. Mit ihrem Bruder Hans, der als Messdiener immer Gesprächsthema bei den Dorfmädels gewesen war, und mit seiner Freundin Katrin, entstand ein kleiner Freundeskreis mit guter Stimmung und Geselligkeit.

Frances ging zum Fenster. Es war Sonntag. Die Straßen waren leer. Sie guckte das Kleid an. Sie setzte sich auf das Bett. Immerhin musste sie zugeben, dass sogar in diesen guten Zeiten nicht alles so leicht gewesen war.

Es gab eine alte Verbindung zwischen Katrin und Frances weil Katrins Mutter oft krank war. Daher hatte Frances Mutter, Wilhemina, auch für Katrins Familie gekocht. Genau wie es dem lieben Gott gefallen hätte. Dass Katrin Evangelisch war, spielte keine Rolle.

Frances erinnerte sich an einen Tag, als der Pfarrer zu ihr kam.

‘Guten Tag, Frances.’

‘Guten Tag, Vater.’

‘Frances, wusstest du schon dass Katrin ein evangelisches Mädel ist?’

‘Natürlich Vater. Jeder im Dorf weiß das.’

‘Ja, selbstverständlich Frances. Ich habe mir überlegt und vielleicht wäre es möglich für uns auf Hans aufzupassen?’

„Geht es ihm nicht gut Vater?“

„Nein, ich meine, mit Bezug auf seine Beziehung mit Katrin.“

Es dauerte einige Momente bis sie verstand was der Pfarrer meinte, dann war es für Frances wie ein Schlag im Gesicht.

‘Ich kann meine Freunde nicht bespitzeln.’

Jetzt reagierte der Pfarrer gereizt.

‘Es geht nicht um spitzeln. Du musst ihn überzeugen, dass die Beziehung halt nicht geht. Diese Freundschaft hat keine Zukunft.’

‘Vater, ich würde das nie tun.’

Wieder eine Stille, dann reagierte er frustriert und wütend.

‘Dann brauchst du nicht mehr zum Jugendunterricht zu kommen.’

Rot im Gesicht lief er weg.

Für Frances war das einfach zu viel. Wenn sie auf den Unterricht verzichten musste, dann würde sie überhaupt nicht zur Messe und zur Kirche gehen. Sie bekam viel Unterstützung von ihren Freunden. Trotzdem gab es für Frances eine harte Auseinandersetzung mit Gott. Am Ende kommt sie zum Schluss, dass der Ursprung vieler Probleme eine fehlende Berücksichtigung des Wohls aller Menschen ist. Der liebe Gott liebte Katrin, so wie früher ihre geistig behinderte Freundin Hildegard, die von den Nazis ermordet worden war, nicht weniger als sie selbst.

Frances konnte nicht sagen ob der liebe Gott ihr Recht gab, aber sie betete jeden Tag und sie fühlte sich von Ihm begleitet. Nach einigen Monaten kam der Pfarrer und bat sie zurück zur Kirche zu kommen.

Und jetzt wieder! Sie guckte das Kleid an. Sie war glücklich, Köchin zu sein, in einem Hotel zu arbeiten. Am Ende gab es für sie, und so viele arme Frauen, nicht so viele Möglichkeiten im Leben… Lehrerin, für die die sich eine Ausbildung leisten konnten, Köchin…sonst Krankenschwester… Näherin…Sie stand vor einem Abgrund. Wie konnte eine arme Frau mit Menschen auf Augenhöhe sprechen?

Frances und ihre Freundinnen hatten sich auf diesen herrlichen Sommersonntag gefreut. Sie hatten es vor, sofort nach dem Gottesdienst eine Fahrradtour zu machen. Daher hatte Frances keine Zeit sich erst später ihr schönes rotes Kleid anzuziehen. Das rote Kleid war modern, ein bisschen kürzer, ein bisschen tiefer geschnitten, aber keineswegs frivol oder unanständig. Und beim Radfahren konnte eine Frau doch kein langes Kleid tragen oder?

Aber als Frances und Anna ihre Plätze in der Kirche einnahmen, wurde Frances kein Verständnis für ihren Charakter und ihr Denken gegönnt.

Kurz vor dem Anfang der Messe, schickte der Pfarrer eine Ordensschwester zu ihr, die lauthals vor der gesamten Gemeinde verkündete.

„Das geht nicht Frances.“

„Was meinen Sie, Schwester? Ich habe nichts getan“

„Du weißt ganz genau was ich meine.“

Die Stille in der Kirche war jetzt komplett. Alle Augen wurden auf Frances gerichtet.

Sie wusste was die Schwester meinte. Aber was konnte sie dazu sagen, das nicht unpassend in der Kirche gewesen wäre? Frances fühlte sich mundtot gemacht.

„Du musst die Kirche sofort verlassen.“

Die Schwester wartete sogar bis sie, langsam, gedemütigt und alleine, die Tür der Kirche erreichte und hinter sich zumachte.

Der Ausflug wurde abgesagt. Frances wollte nur allein sein. Sie zog das Kleid aus, wollte sich verstecken.

Sie guckte wieder das Kleid an, als enthielt es eine Antwort. Es gefiel ihr immer noch, schick und rot und einfach perfekt für schönes Sommerwetter. Gott wollte das Glück seiner Kinder. Gott war auch bei ihr, wenn sie mit dem Rad, gewärmt von der Sonne und gekühlt vom Wind fuhr. Dann beging sie auch keine Sünde, wenn sie mit diesem Kleid in die Kirche ging.

Auf einmal war sie von ihrer Scham und Unsicherheit befreit. Es wurde ihr klar, dass diese ihr in der Tat nie hätte anhaften sollen. Sie zog das Kleid wieder an, und verließ das Haus. Dieses Mal würde sie nicht auf die Kirche verzichten. Sie selbst war auch die Kirche. Sie lief zurück in die Kapelle. Als sie betete, fühlte sie sich akzeptiert, zu Hause, genau wie sie war, und wusste, dass es in einem Leben mit Gott am Ende sehr wenig gäbe, worauf sie verzichten müsste.

 Copyright.NickTimmons.2014.